Briefkasten

Als wir wirklich nicht mehr konnten, bekamen Onkel Theo und ich einen Brief.

Hallo ihr,

wir sind’s. Also ihr. Also das ihr von danach, wenn das alles vorbei ist. Wir schreiben euch, weil wir wissen, dass ihr genau jetzt denkt, dass ihr wirklich nicht mehr könnt.

Wir wissen, dass es am Anfang sehr weit weg war und dann war es ironisch und dann war es bedrohlich und dann war es aufregend und Vorräte kaufen und sich einrichten und dann war es Entschleunigung und dann war es endlich mal Zeit für all die Projekte und dann war es ein Zustand.

Wir wissen, dass auch die Angst am Anfang aufregend war. Es war eine Veränderung und Veränderung ist aufregend, vor allem, wenn man nicht weiß, dass sie ein Anfang ist, ein Anfang von etwas sehr Langweiligem.

Wir wissen, dass es sich anfühlte, als ob ihr Quarantäne nur spielt. Wir wissen, dass ihr euch vorkamt wie in einem Film und dass ihr nicht damit gerechnet habt, wie öde der Film ist, oder wie lang. Wir wissen nicht mehr genau wann es passiert ist, es war ein Prozess und auch noch ein schleichender, aber eines morgens wachtet ihr auf und die Quarantäne war echt und das Virus war echt und nichts war aufregend und alles war Zustand. Wir wissen, dass ihr euch noch nie so gelangweilt habt und dass ihr noch nie so große Angst vor interessanten Zeiten hattet.

Wir wissen, dass ihr euch fragt, wie lange das denn noch gehen soll. Wir wissen, dass ihr wisst, das wir euch diese Frage nicht beantworten können, dass wir sie leider, leider nicht beantworten können. Wir wissen, dass es jetzt erst mal so bleibt und dass es manchmal sehr schwer wird und manchmal fast leicht. Und wir wissen, dass ihr noch könnt, dass ihr noch sehr lange könnt.

 Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 3.4.2020, 7:15 Uhr

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