Wartende am Fenster

"Ich kann nicht mehr", sagt Onkel Theo, als ich in die Küche komme. Ich möchte etwas Tröstliches sagen, etwas das Hoffnung spendet und Kraft, etwas, dass alles besser macht, etwas, das mit der Welt versöhnt, also sage ich: "Ich will nicht mehr."

Onkel Theo lächelt milde, als wolle auch er trösten. "Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr", sagt er. Wir dürfen uns da nicht so reinfallen lassen, denke ich, gestern ging es doch auch, gestern sind wir noch durch die Wohnung getanzt, gestern haben wir uns Mut gemacht, gestern haben wir uns zusammengerissen, wir müssen uns doch einfach nur zusammenreißen, wie gestern und am Tag davor und an jedem Tag davor, ein bisschen Mühe, das kann doch nicht so schwer sein, das darf doch nicht so schwer sein! "Ich kann nicht mehr“, sage ich.

Wir schauen uns an, wir wissen beide, dass es so nicht geht, aber egal was wir sagen, es sind doch immer die gleichen Sätze: "In Italien scheint sich die Lage zu verbessern" wollen wir sagen, "Die Narzissen blühen so schön" wollen wir sagen, "Ich bin ja hier" wollen wir sagen. Aber wir sagen "Ich kann nicht mehr." Wir sagen "Ich will nicht mehr." Wir werden verzweifelt, versuchen es wieder und wieder, "ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr."

Und dann geben wir auf. Wir schweigen uns an und vielleicht verstehen wir uns wortlos. Vielleicht wird es morgen besser. Vielleicht ist es gleich vorbei. Vielleicht sagt einer dann "siehst du, es geht schon wieder" und der andere sagt: "Ja, es geht."

Die Romanempfehlungen von Nele Pollatschek hören und lesen Sie hier 

Sendung: h2-kultur, Kulturfrühstück, 2.4.2020, 7:15 Uhr

 

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