Lukas Schrenk in der Rolle des "Woyzeck"

Georg Büchner war der erste Schriftsteller, der mit seinem "Woyzeck" jemandem aus dem niederen Volk ein tragisches Leben zugestand. Woyzecks Freundin und Mutter des gemeinsamen Kindes flirtet mit einem anderen; weil das Geld nicht reicht, stellt er sich einem Arzt als Versuchskaninchen zur Verfügung. Dass er zum Schluss in Gewalt explodiert, erstaunt dann schon kaum mehr - eine Inszenierung des Staatstheaters Wiesbaden in der Wartburg.

Wieviel bleibt einem zum Menschsein, wenn man nichts mehr hat - das ist eine der Fragen, die sich das Staatstheater Wiesbaden am Beispiel von Büchners Dramenfragement Woyzeck stellt - zu sehen ist diese Produktion in der Wartburg, also der kleinen , ausgelagerten Spielstätte des Wiesbadener Theaters. Woyzeck läuft in der Reihe White Boxx - und da werden Klassiker für junge Leute aufbereitet - Ursula May war dabei - wie zeitgenössisch ist denn Woyzeck ?

Diese Fragestellungen sind immer wieder sehr aktuell: Woyzeck ist ja schon bei Georg Büchner ein reichlich armer Kerl. Er hetzt durchs Leben, wird gedemütigt, hat nicht genug Geld und verdingt sich bei einem Doktor , der mit ihm fragwürdige Ernährungsexperimente mit Erbsen macht. Seine Freundin, mit der er ein Kind hat, flirtet mit einem anderen Mann, der auch höher gestellt ist als er , der einfache Soldat Woyzeck. Also ein ziemlich erbärmliches Schicksal, eine auswegslos erscheinende Situation, die in Gewalt mündet, mit der Ermordung von Marie, der Mutter von Woyzecks Kind. Das was bei Büchner das absolut neue war, nämlich das endlich mal ein Mensch am untersten Ende der Gesellschaft Thema für eine Tragödie war - das hat man natürlich inzwischen oft gesehen. Nichtsdestostrotz ist Woyzeck eine Figur, die immer wieder zu zeitgenössischen Interpretationen einlädt. Und in Wiesbaden ist der Woyzeck gespielt von Lukas Schrenk der einzige wirklich natürliche, normal wirkende Mensch in einer Umwelt, die verrückt ist, nicht wirklich zu verstehen. Umgeben von Menschen , die jede Menschlichkeit verloren haben - und so sind seine Gegenspieler haben auch leicht verzerrte Charaktere. 

Was hat die Wiesbadener an Woyzeck interessiert ?

Die Regisseurin Marlene Anna Schäfer hat sich auch für den historischen Kontext interessiert: Büchner hatte ja als Medizinstudent ein Gutachten gelesen, in dem ein Arzt über die Zurechnungsfähigkeit des tatsächlichen Mörders Johann Christian Woyzeck geschrieben hatte. Das Gutachten des Arztes war in der Verhandlung wesentlich dafür, dass der echte Woyzeck als zurechnungsfähig eingestuft wurde - und schließlich auch zum Tod durch das Schwert verurteilt. Während Büchners Zeitgenossen eher über die Frage schuldig oder nicht schuldig sinnierten, interessierte sich Büchner für Woyzeck Lebenslauf und die Bedingungen seines Handelns - und so wird in dieser Inszenierung auch diese Prozessgeschichte mit erzählt, als Teil des Theaterstücks, das Büchner ja nicht vollendet hatte. Als wird hier einerseits der historische Kontext eingearbeitet und mit ins spiel eingewoben. Sehr interessante Herangehensweise wie ich finde.

In der Wiesbadener Wartburg ist die Bühne sehr klein - wie wurde das Stück umgesetzt ?

Das stimmt, es ist eine kleine Bühne , es gibt viele Licht und Szenenwechsel, Filmsequenzen und Soundelemente. Es ist rasant inszeniert, sehr abwechslungsreich. Sicher eine sehr gute Methode, um auch jüngere Menschen mit einem Klassiert vertraut zu machen: Woyzeck wird wie gesagt von Lukas Schrenk gespielt,  drei andere Schauspieler teilen sich die verschiedenen Rollen - also Marie und der Arzt zum Beispiel werden von Lena Hilsdorf gespielt, was so einen gewissen Verfremdungseffekt hat. Alos eine Inszenierung, die mit sparsamen Mitteln auskommt. Für mich der berührende Moment: Büchners Märchentext von dem armen Kind, das ganz allein auf der Welt ist, das umher irrt, unter anderem den Mond sucht, der ihm so freundlich zulächelt, aber als es ihn findet, ist es nur ein Stück verfaultes Holz. Das ist auch in Wiesbaden zu hören - und das ist für mich doch auch so eine Gänsehautmoment in dieser Inszenierung gewesen. 

Eine Inszenierung für junge Menschen, die zur Zeit noch unter Coronabedingungen gezeigt wird - wie hat sich das angefühlt ?

Es ist natürlich ein Unterschied, ob da 25 Menschen mit großem Abstand und Masken im Theater sitzen - oder ob der kleine Raum voll besetzt ist. Aber ich glaube, Schauspieler und Besucher sind sehr froh, dass es überhaupt möglich ist, zu spielen - und da macht man halt gewisse Abstriche. So ein ganz richtiges Theatergefühl ist da noch nicht entstanden. Gleichwohl gab es viel und kräftigen Applaus, die Zuschauer müssen ja die fehlenden Besucher ausgleichen und das haben sie in Wiesbaden sehr gerne und engagiert gemacht. 

Weitere Aufführungen bis Mittwoch, den 30. Juni: www.staatstheater-wiesbaden.de

Foto: Lukas Schrenk in der Rolle des "Woyzeck"

Sendung: hr2-kultur, "Am Morgen", 28.06.2021, 7:33 Uhr