Künstler im Lockdown 11 - Matthias Westerweller

Wie kommen Künstler, vom Schauspieler über den Sänger bis zum Regisseur mit der aktuellen Situation zurecht? Unsere hr2-Kulturreporterin hat den DJ Matthias Westerweller, alias Weller, getroffen.

Ich seh erstmal nur Platten: Schallplatten. Pop, Jazz, Funk, selbst Schlager.... alles fein säuberlich in einem riesigen Regal. Etwa drei Meter Wand sind bis zur Decke vollgepackt. Matthias Westerweller ist offenbar ein DJ alter Schule, der nicht nur mit digitalen Sounds arbeitet. Musik sei einfach seine Passion, sagt er mit einem stolzen Blick auf die umfangreiche Sammlung. Und das Auflegen von Musik auch.

Das tu ich mit eigenen Veranstaltungen, das tu ich aber auch als reine DJ-Dienstleistung für Leute, die ihren Geburtstag feiern wollen, heiraten möchten und das Tanzbein schwingen wollen, oder für irgendwelche Firmen wie Banken. Damit kommt die Butter aufs Brot.

Und in diesem Jahr wäre es viel Butter gewesen, das ganze Jahr war komplett ausgebucht. Und dann kam der Lockdown.

Ich darf nicht auflegen zur Zeit. Veranstaltungen für die ich gebucht werde, können nicht stattfinden. Klar, wegen Corona. Mir sind alle Jobs bis Ende des Sommers weggebrochen.

Matthias Westerweller sagt das ziemlich gefasst, fast emotionslos. Er sitzt etwas zusammengesunken auf einem 60-Jahre-Kunstleder-Stuhl. Jeans, Jeanshemd, Brille, graue, leicht gelockte Haare. Nee, ich geb's zu, so hab ich mir einen DJ nicht vorgestellt. Er scheint meine Gedanken erraten zu haben. Er will für mich seinen Corona-Mix auflegen. Eine Platte liegt schon auf dem Teller, ein funky Beat... aber es fehlt noch was. Er sucht in zwei wuchtigen grauen Schubladenschränken nach einer Single, die er dafür unbedingt braucht. Dann kommen die Kopfhörer drauf, er drückt und dreht verschiedene Knöpfe, und plötzlich verändert sich der Mann vor mir an den Plattentellern. Er kreist mit den Hüften, die Beats erobern den ganzen Körper. Und Matthias Westerweller wird zu DJ Weller.

Wieder frei sein. Wieder auflegen können, das ist seine Hoffnung. Ein bisschen Hoffnung habe er sich übrigens auch gemacht, was die Soforthilfe betrifft, die die Regierung ja relativ bald angepriesen hat. Über 1.000 Euro Betriebskosten hat Matthias Westerweller im Antrag angegeben. Und dann kam der Bescheid.

Die Soforthilfe, die mir angeboten wurde: nur 122,50 Euro laut Regierungspräsidium Kassel für die drei Monate. Und ja, mit 122,50 Euro kann ich keine großen Sprünge machen.

Er verstummt kurz. Dann drückt er die Schultern nach hinten. Es sei alles so gut gelaufen gerade. Er habe pro Abend zwischen 500 und 1000 Euro verdient. Am Wochenende.

Man darf auch nicht vergessen, der DJ arbeitet ja in der Regel meistens nur freitags oder samstags. Selten finden Geburtstagsfeiern unter der Woche statt, jeder möchte natürlich freitags oder samstags heiraten. Sprich die Einsatzzeit des Djs reduziert sich natürlich.

Und wie sieht es im Moment aus? Gibt es denn noch irgendwelche Einnahmen? Er überlegt kurz. Ein bisschen Geld komme schon rein. Manchmal.

Ich verkaufe Platten auch aus meiner Sammlung, da kann ich ein bisschen Einnahmen generieren, aber jetzt natürllich nicht so viel, dass es vergleichbar wäre mit den Gagen, die ich normalerweise für meine DJ-Jobs bekommen würde. Und hab noch ein bisschen Erspartes auf dem Konto gehabt. Die nächsten Monate werden einfach interessant. Also ich stehe jetzt erstmal vor der Entscheidung, Hartz 4 beantragen zu müssen, oder zu können, oder zu wollen.

Das reiße ihn ganz schön runter, wenn er einen schlechten Tag habe. Aber er versuche, positiv zu bleiben.

Nun bin ich auch schon ein bisschen älter, bin jetzt 52, leg seit 30 Jahren auf, also es wäre auch mal wieder Zeit für eine Veränderung. Und einen Plattenladen, das kann ich mir vorstellen, weil ich 10 Jahre lang in einem gearbeitet hab, das wäre interessant mal wieder so was zu machen.

Wie er da sitzt und mir von diesem Traum eines Plattenladens erzählt, in dem man vielleicht auch Wein und Schuhe käufen könnte, wirkt Matthias Westerweller ruhend, gefestigt, als ob ihn nichts umhauen könnte. Aber irgendwie kommen wir im Gespräch auch auf die verordnete Distanz. Den fehlenden Körperkontakt. Und dann sind da plötzlich Tränen in seinen Augen. Er versucht sich zu sammeln. Schluckt mehrmals.

Ja, das merk ich schon, das fehlt auch ganz stark. Ich hab mir Reflexe abtrainiert, Leuten die Hand zu geben oder einfach mal einen guten Freund zu umarmen. Ich habe gemerkt, das fehlt mir einfach.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 29.5.2020, 16:30 Uhr

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