Marion Klomfaß

Wenn man das Wort "Nippon Connection" neben das Wort Marion Klomfaß schreibt, ist das fast dasselbe. Marion Klomfaß bereitet gerade im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm das japanische Filmfestival vor, das ganz anders werden wird als die vorherigen 19.

Was planen Sie denn dieses Jahr? Keine Leinwand?

Leider nicht. Bedingt durch Corona können wir leider kein normales Festival veranstalten. Das erste Mal in unserer Festivalgeschichte müssen wir komplett aufs Internet ausweichen. Und das ist schon eine ziemliche Herausforderung.

Wie geht das dann? Wenn ich ein gewohnter Festivalbesucher bin und von Ihnen eigentlich erwarte, dass Sie mir das Neueste schön präsentieren: Wie komme ich an die Filme? Mit Video on demand?

Genau. Wir zeigen die Filme als Video on demand auf der Plattform Vimeo. Und man kann im Festivalzeitraum vom 9. bis 14. Juni sich dann Filme ausleihen. Das kostet fünf Euro pro Film. Und dann kann man den Film 24 Stunden lang sich anschauen.

Da hatten Sie sich sicherlich im Herbst und im Winter Ihr 20. Jubiläum völlig anders vorgestellt.

Wir waren schön in den Planungen. Wir haben uns tolle Sachen ausgedacht fürs Jubiläum, wollten sogar noch zusätzliche Locations dazunehmen und wollten das richtig groß feiern. Dann waren wir auf der Berlinale, und da gab es schon kein anderes Thema außer Corona. Und da wurde uns so langsam bewusst, dass wir uns Gedanken machen müssen: Was wäre, wenn wir das Festival nicht in echt stattfinden lassen können? Deswegen sind wir nach der Berlinale erst mal zweigleisig gefahren und haben schon überlegt, wie wir das ganze virtuell veranstalten können.

Sie haben – Marion Klomfaß – das als Studentin vor 20 Jahren zum ersten Mal organisiert in der "Pupille". Das ist in Bockenheim ein heruntergekommenes Kino, was gar nicht mehr bespielt wird. Hätten Sie gedacht, dass das so ein Erfolg wird vor 20 Jahren und dass Sie heute praktisch die "Miss japanischer Film" sind?

Erst mal muss ich sagen, die "Pupille" wird immer noch bespielt, die haben auch ein ganz tolles Programm. Wie wir das erste Jahr die Filme dort gezeigt haben, das hatten wir nur als einmalige Veranstaltung geplant. Wir wollten als studentisches Projekt ein paar Filme zeigen aus Japan, weil die  kaum in Deutschland zu sehen waren.

Dann ist da gleich ein riesiges Festival schon bei der Organisation bei herausgekommen. Es waren immer mehr Leute, die sich beteiligt haben. Und dann haben uns auch die Besucher überrannt. Wir haben ganz viele Zusatzvorstellungen gemacht, und schon beim ersten Festival 10.000 Besucher gehabt. Wir waren vollkommen platt, weil wir nie gedacht hätten, dass Zuschauer in einen japanischen Film im Original mit englischen Untertiteln gehen. Das ist ja in Deutschland eher nicht so üblich.

Was hat Sie damals am japanischen Film fasziniert? Und womit haben Sie dann alle angesteckt?

Ich hatte seit 1993 auch beim Exground-Filmfestival in Wiesbaden mitgemacht und hatte dort die Reihe "News from Asia" gegründet. Ich hatte schon viele japanische Filme gesehen und auch zu dem anderen Festival mit eingeladen. Ich fand die andere Erzählweise faszinierend und dass man immer wieder überrascht wird. Das ist nicht die gängige Erzählweise, die man von westlichen – amerikanischen oder deutschen – Filmen kennt. Dort ist meist sehr klar, wer ist der Gute, wer ist der Böse, wer ist der Protagonist? Oder: Das ist jetzt eine Komödie, das ist jetzt eine Tragödie. Und in japanischen Filmen ist oft alles gleichzeitig. Das ist immer wieder sehr überraschend, wie dort die Geschichten erzählt werden.

Haben die Filme auch – vom Inhaltlichen mal abgesehen – eine andere Ästhetik? Japan ist das führende Land, was Kameratechnik angeht. Die großen Kamerafirmen sitzen dort und haben Deutschland abgelöst. Merkt man das, dass die tolle Objektive und tolle Chips in ihren Kameras haben?

Das würde ich mir wünschen. Es gibt natürlich sehr viele Filme, die ästhetisch sehr sorgfältig gedreht und produziert sind. Aber leider, da es Schwierigkeiten im Moment gibt, einen Film überhaupt zu produzieren und das Geld zusammen zu bekommen, sind das wirklich haarsträubende Produktionsbedingungen. Also wirklich kurze Drehzeit, kurze Postproduktionszeit. Die Postproduktion ist unglaublich teuer in Japan. Deswegen gibt es leider auch Filme, bei denen man sagen könnte: Das wäre jetzt ganz gut gewesen, wenn man noch etwas sorgfältiger an den Filmen gearbeitet hätte.

Macht das auch eine gewisse Ästhetik aus nach dem Motto "quick and dirty"?

Es gibt tolle Filme von Independent-Filmemachern, die wirklich mit einem minimalen Budget ihre Filme drehen und unter wirklich nicht besonders guten Bedingungen – es gibt auch keine Filmförderung übrigens in Japan oder so gut wie keine. Die machen das wirklich nur mit ihrer Leidenschaft. Und die sind trotzdem ganz toll, auch wenn sie ästhetisch und technisch ausgereifter sein könnten. Aber dafür ist einfach die Geschichte und die Umsetzung sehr gut.

Sie haben ja immer wieder Schwerpunkte gesetzt. Dieses Jahr heißt es: Neue Frauenbilder in Japan. Ändert sich da was? Die Frau in Japan ist die Hausfrau und wahnsinnige Arbeiterin sowie die Geisha. Das ist mein Vorurteil.

Da tut sich natürlich auch jetzt viel. Aber wir haben das Thema genannt: "Female futures?" mit einem Fragezeichen. Es gibt natürlich sehr viele Filme, die dem Klischee noch entsprechen. Es gibt aber auch viele Regisseurinnen mittlerweile, die auch einen weiblichen Blick auf die Geschichten und auf die Erzählweise haben. Und das ist spannend gerade zu beobachten, wie sich die männlich dominierte japanische Filmbranche jetzt auch etwas öffnet und sich ändert.

Und Sie haben einen Altmeister dabei, Werner Herzog. Das ist der, der unter Klaus Kinski gelitten hat und umgekehrt. Was hat er für einen Film dabei, wenn er jetzt wahrscheinlich nur virtuell in die Diskussion geht?

"Familiy Romance, LLC" Wir waren auch sehr überrascht, weil der komplett an uns vorübergegangen ist. Der ist relativ kurzfristig letztes Jahr noch in das Programm vom Cannes-Filmfestival mit aufgenommen worden. Bei Werner Herzog denkt man jetzt nicht unbedingt an Japan. Aber er hat wirklich diesen Film komplett in Japan gedreht, komplett auf Japanisch mit japanischen Schauspielern. Und es ist wirklich ein toller Film mit seiner Herangehensweise an Japan und die Kultur, die er überhaupt nicht kennt, das trotzdem nicht mit diesem exotischen Blick betrachtet, sondern sich da wirklich voll darauf einlässt.

Eine Doku-Fiction ist das im Grunde genommen über eine Firma, die fiktive Familienmitglieder vermietet, also Schauspieler, die dann Familienmitglieder mimen oder sich in bestimmten Situationen für andere entschuldigen. Diese Firma gibt es wirklich, und der Chef dieser Firma spielt dann auch die Hauptrolle. Das ist auch wieder typisch Werner Herzog, dass er das Dokumentarische mit dem Fiktiven so vermischt.  Und wir haben ein exklusives Interview mit Werner Herzog. Das kann man sich dann auch auf unserer Seite angucken zusammen mit dem Film.

Die Fragen stellte Alf Haubitz.

Sendung: hr2-kultur, "hr2-Kulturcafé", 08.06.2020, 17:10 Uhr

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