Staatstheater Kassel "Idomeneo"

Am Samstag war Premiere der Mozart-Oper "Idomeneo" in Kassel. Die "fürchterliche Regie" von Lorenzo Fioroni hat nach Ansicht unserer Kritikerin Astrid Gubin das Werk so überdeckt, dass sie der Musik nicht mehr folgen konnte und wollte.

Die Handlung

Die Oper führt nach Kreta. Dorthin kehrt König Idomeneo zurück, nachdem er lange Krieg in Troja geführt hat. Aber die siegreiche Heimkehr gestaltet sich schwierig, weil sein Schiff kurz vor Kreta in Seenot gerät und er – um sein Leben zu retten – dem Meeresgott Neptun schwört, den ersten Menschen, den er an Land sieht, zu opfern. Dieser erste Mensch ist ausgerechnet sein Sohn Idamante, den er natürlich nicht opfern will.

Ein hartes Urteil

Wenn man den schweizerischen Skandalregisseur Lorenzo Fioroni einlädt, weiß man vermutlich, worauf man sich einlässt. Für ihn besteht die herrschende Gesellschaft, die in "Idomeneo" dargestellt wird, aus ausgehöhlten, degenerierten, völlig derangierten Wahnsinnigen, die groteske Kostüme aus der Zeit des französischen Absolutismus tragen. Idomeneo zum Beispiel wirkt wie eine Mischung von Klöckner von Notre Dame, einem Leprakranken und der Comicfigur "Joker". Dagegen wirken das Volk und alle Diener normal und sind ihrer Aufgabe entsprechend gekleidet. Überhaupt hat man den Eindruck, dass die elegant gekleideten Diener den Staat noch am Laufen halten, während die herrschende Kaste mit sich und der Welt am Ende ist.

Weltuntergang und dann langsam steigern

Dann wird alles hineingerührt, was es heutzutage an akuten Themen gibt. "Me too" weil Ilia, die Geliebte Idamantes, von Idomeneo sexuell angegriffen wird. Die trojanische Sklavin, die ihre Familie verloren hat, wünscht sich, dass Idomeneo ihr Ersatzvater sein soll. Das erklärt sich nicht wirklich aus der Geschichte heraus. Die Klimakatastrophe spielt eine große Rolle. Der Zorn Neptuns darüber, dass er sein Opfer nicht bekommt, wird mit großen Stürmen und Gewittern – übrigens sehr schön gemacht auf der Bühne – geschildert. Aber hier ist es natürlich nicht Neptun, der sich beschwert, sondern es ist die Klimakatastrophe, die anklopft. Plötzlich taucht nämlich ein leuchtender Erdball auf. Über dessen Afrika-Abbildung ist "Fine", also "Ende", geschrieben. Damit lässt auch noch die Flüchtlingsthematik schnell grüßen – das hätten wir auch noch untergebracht. Zu guter Letzt spielt auch noch noch die Genderthematik eine Rolle, weil Idamante und Ilia in dem Duett, in welchem sie einander ihre Liebe gestehen, die Kleidung tauschen und anfangen, sich normal zu bewegen. Aha, sagt man sich, Rollen- und Geschlechterwechsel ist das Rezept, dann wird alles gut.

Regisseur Fioroni kann nicht ertragen, dass das Stück, wie in einer Barockoper üblich, glücklich endet. Im Original verzeiht Neptun, dass er sein Opfer nicht bekommt. Das geht natürlich nicht. In Fioronis Deutung tötet Idomeneo seinen Sohn, bevor der digital komplett verzerrte Neptun aus dem Off seinen Verzicht auf das Opfer kundtun kann. Die Diener kippen danach einen Eimer voll Theaterblut über Idamante aus, und die Choristinnen fangen an, sich in diesem Blut zu suhlen. Die griechische Prinzessin Elektra –die Konkurrentin um Idamantes Liebe – singt ihre Rache-Arie, die sie eigentlich an ganz anderer Stelle singt, am Schluss. Die Rache-Arie gilt jetzt nicht mehr der Liebe, sondern dem Versagen der Regierung, und Elektra bringt sich um. Der strahlende Schlusschor, der nicht ins Bild passt, wird ein bisschen verwaschen noch gesungen. Das Orchester, nachdem das Stück eigentlich vorbei ist, spielt einen frei abgewandelten Teil aus der "Symphonia concertante" von Mozart. Dazu treten von hinten Choristen auf, die sich allesamt die Kehlen durchschneiden. Kollektiver Selbstmord, Schluss, Aus, Ende, Weltuntergang.

Ist von Mozart noch etwas übrig geblieben?

Eigentlich nicht wirklich. Es gelingt einem auch nicht, einfach die Augen zu schließen und die Musik zu hören, denn auch die leidet unter der Inszenierung. Sie leidet auch – das muss ich leider sagen – unter dem Dirigenten Jörg Halubek. Das Kasseler Staatsorchester ist ja ein wunderbares Orchester. Aber Jörg Halubek zwingt das Orchester dazu, einen völlig emotionsarmen, ausstrahlungs- und glanzlosen Mozart zu spielen. Dass es da an einigen Ecken wackelt und hakt im Orchester, ist dem Dirigenten anzulasten, aber nicht dem Orchester.

Zur Besetzung ist zu sagen: Es sind wie immer grandiose Sänger-Schauspielerinnen. Maren Engelhardt spielt das, was sie spielen muss, den Idamante, fantastisch. Und die anderen geben sich redlich Mühe, das auszudrücken, was der Regisseur von ihnen verlangt. Sie tun das wirklich großartig. Aber die Musik kann man kaum wahrnehmen, weil sie von dieser Schlacht, die auf der Bühne stattfindet, komplett erschlagen wird. Am Schluss bekommt die musikalische Seite sehr viel Applaus, und die Regie wird mit Buh-Stürmen überschüttet. Der Regisseur quittiert das mit einem süffisanten Lächeln – er hat erreicht, was er wollte.

Weitere Vorstellungen

Am 11., 14., 20. und 29. Dezember können sie sich ihr eigenes Urteil zur Kasseler Inszenierung von "Idomeneo" bilden.

hr2-kultur, "Kulturfrühstück", Frühkritik, 09.12.2019, 7.30 Uhr

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