"Gräfin Maritza" in Wiesbaden: Sabina Cvilak

Ein verarmter Graf, der Geld sammelt, damit wenigstens seine Schwester standesgemäß heiraten kann. Eine reiche Gräfin, die die Nase voll hat von Männern, die nur hinter ihrem Geld her sind. Ob Graf und Gräfin am Ende zusammenkommen? Emmerich Kálmáns Operette "Gräfin Mariza" macht's möglich!

 Die heile Welt der Operette, üppig und ungestört

In Wiesbaden schwelgt man in ungarisch-österreichischer Operettenseligkeit. Die Bühne in zartem Rosendekor, schöne Damen in eleganten Abendroben, schneidige Männer im Frack, geigende und tanzende Zigeuner. Das alles zu feurigen Csárdás- und beschwingten Walzerklängen. Aber: Diese vermeintlich heile Welt im Ungarn des Jahrs 1924 hatte schon bei Emmerich Kálmán einen Knacks: Die österreichisch-ungarische Monarchie ist abgeschafft, dem Adel fehlt das Geld. In der "Gräfin Mariza" klingen diese Themen an, werden aber in der Inszenierung nicht vertieft. Am Ende geht alles gut aus. Und dafür bietet das Wiesbadener Staatstheater mit seinem Intérieur den idealen üppigen Operettenrahmen.

Wie bringt Volksoper-Regisseur Thomas Enzinger das auf die Bühne?

Er erfindet die Rolle eines Mädchens hinzu, das einige Male auftaucht und sich die Geschichte der Operette vom altem Diener Tschekko erzählen lässt. Tschekko tritt dann einige Male aus der Operettenhandlung heraus und beantwortet Fragen, die das Mädchen stellt. Zum Beispiel, warum sich Mariza und Tassilo nicht kriegen, obwohl sie doch ineinander verliebt sind. Das hat so etwas Niedliches von "Opa erklärt der Enkelin ein Welt", bringt die Handlung aber nicht wirklich voran.

Was die Handlung voranbringt und aufpeppt, das sind auch die acht Tänzerinnen und Tänzer. Mal als Zigeuner, mal als Tanzensemble im Tabarin, wo sich die Schönen und Reichen zum Amüsieren treffen. Und da kreuzen sich die Beine zu einem schnellen Foxtrott, mit den Damen in Paillettenkleidern und den Herren mit Hosenträgern und Gamaschen.

Absoluter Höhepunkt der Operette ist aber eine ganz andere Tanzeinlage mit Mistgabeln und Blecheimern. Gräfin Mariza wird bezirzt von einem ihrer Verehrer, dem vermeintliche Baron Zsupán in roter Lederjacke. Verkörpert von Erik Biegel, dessen komödiantisches Talent ohnehin mindestens so stark ist wie sein aufgesetzter ungarischer Akzent. Wenn dann beim Tanzen nach und nach noch weitere acht geklonte Barone in roten Lederjacken auftauchen, und einen Mistgabel-Rap tanzen und auf den Boden stampfen, dann ist im Publikum kein Halten mehr. Von solchen Nummern hätte ich gerne mehr gehabt!

Also kommen Fans der Operette auf ihre Kosten...

Auf jeden Fall: Es gibt viel fürs Auge, viel fürs Ohr. Thomas Blondelle als Tassilo sollte man sich nicht entgehen lassen. Und auch Orchester und Chor sind  hervorragend. Das ist auch das Verdienst von Dirigent Christoph Stiller: Er versteht es, den Charme aus dieser Musik herauszukitzeln. Es hat nicht viel gefehlt, und das Publikum hätte mitgeklatscht. Und dass Operette nicht nur etwas für das gesetzte Alter ist, sondern auch jüngere Leute anzieht, das hat man am Samstag auch gemerkt.

Es wird viel gesungen und gesprochen in Operetten. Wie gefällt das?

Leider versteht man bei den Gesangsnummern nicht alles. Das Ensemble auf der Bühne ist mit Headset-Mikrofonen ausgestattet, der Gesang und die Sprechszenen werden aber nur sehr dezent verstärkt, so dass manches doch untergeht. Obertitel wären da eine Lösung gewesen, ich zumindest kenne den Text von "Gräfin Mariza" nicht auswendig...

Besonders hörbar war der Unterschied bei den beiden Hauptfiguren Sabina Cvilak als Mariza und Thomas Bondelle als Tassilo. Beide haben wunderbare Stimmen. Aber während man bei Thomas Blondelle wirklich jedes Wort verstanden hat, war das bei Sabina Cvilak leider nur in den gesprochenen Partien der Fall.

Einen besonderen Auftritt gab es dann im dritten Akt. Da hatte man auf den Promifaktor gesetzt und die Rolle der Božena Guddenstein zu Clumetz mit Désirée Nick besetzt. Sehr selbstironisch hat sie die alte Dame gespielt, die schon so oft unterm Messer des Schönheitschirurgen war, dass sie ihre Mimik komplett verloren hat.

Und ein bisschen sozialkritisch wurde es dann doch in einem Couplet, in dem man Désirée Nick auch als Sängerin hört: Sie zieht Donald Trump und Boris Johnson durch den Kakao und besingt die Klimakatastrophe. Gesang und Text fand ich nur mäßig prickelnd, aber der Promifaktor hat geholfen.

Gräfin Mariza
Emmerich Kálmán
Operette in drei Akten
Staatstheater Wiesbaden
11., 13., 18. Oktober,
6., 15. November usw.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 8.10.2019, 7:30 Uhr

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