Stage Drive an der Jahrhunderthalle Frankfurt

Autokinos feiern in diesen Zeiten eine Renaissance. Die Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst veranstaltet zur Zeit "Auto-Kabarett". Die Größen der Szene kommen und "predigen" vor 300 Fahrzeugen. Funktioniert das?

Sie stehen in Reihen vor einer großen Bühne, rechts und links große Leinwände, also wie ein geteiltes Autokino. Auf der Bühne agiert Urban Priol in gewohnt munterer Weise. Er macht 90 Minuten Programm, von oben muss es kurios aussehen. Aber Priol macht es, als wenn er immer für oder vor Autos gespielt hätte, er lässt sich überhaupt nicht irritieren.

Witze gegen Windschutzscheiben

Wer auf Applaus für die einzelnen Pointen gewartet hatte, bekam Autohupen, manchmal auch Lichthupen zu sehen und zu hören - sehr ironisch, denn einer von Priols Lieblingsfeinden ist "der Autolobbyist auf dem Ministersessel", Bundesverkehrsminister Andy Scheuer. Den hat er sich einige Male vorgeknöpft, sich zum Beispiel darüber mokiert, wie er "im Dienste des deutschen Rasers" dann kürzlich wieder tätig wurde - und bekam dafür Applaus: Autohupen gegen Auto-Lobbyismus, nicht unkomisch.

Lockdown, Shutdown, Showdown

Urban Priol macht sich in diesem aktuellen Corona-Programm über die neuen Wörter her, die man jetzt lernen muss: Incidents, Verdopplungszahl, Neuinfektionen - oder "dieses Masken Rumgeeier": "Erst wurde gesagt, die bringen nichts. Dann hieß es 'vielleicht doch' und jetzt sind sie Pflicht!"

Ein anderes schönes Thema, das er sich vorgenommen hat, sind die unterschiedlichen Regelungen der Bundesländer. Als gebürtiger und überzeugter Aschaffenburger konnte er kompetent etwas zum Grenzverkehr sagen: Er fährt also über die Grenze von Hessen nach Bayern, weil er da Eis essen darf oder umgekehrt. Der unterfränkische Rand-Bayer, der mal schnell zum hessischen Baumarkt will, darf sich aber nicht erwischen lassen, sonst kostet es Bußgeld, 150 Euro.

Priol ist wie immer politiknah, sehr nah am politischen Detail und an den Positionskämpfen. Er schrammt dabei oft am trockenen politischen Kommentar entlang, wenn er sich im Lockerungs-Gezerre etwas verliert. Man hat schon gemerkt, dass es nicht einfach für Kabarettisten ist, den satirischen Überblick und immer die Distanz zu behalten.

Fehlt der Biss?

Corona und Kabarett, das ist eine schwierige Kombination. Da fehlt manchmal die ironische oder sarkastische Distanz, die man für eine gute Pointe braucht. Aber es gab noch andere Passagen, wenn Priol als großer Merkel-Parodist oder Fußball-Kommentator daherkommt. Da liefert er eine richtige Radioreportage: Die Spieler sind die Corona-Beteiligten. Und wenn er dann die Virologen-Dribblings kommentiert oder die gelungenen Offensivaktionen von Drosten oder die Konteraktion von Kekulé, der Gesundheitsminister spielt auch mit, Lothar Wieler vom RKI hat eine stabile Mittelfeldposition bezogen. Und dann heißt es und das war meine Lieblingspointe an dem Abend, in Anspielung auf die berühmteste deutsche Fußballreportage von 1954: "Aus dem Hintergrund müsste Spahn schießen ...!" Aber das Tor, das hat Urban Priol ihm nicht gegönnt.

Auto-Kabarett als neue Erfahrung?

Die Veranstaltung war gut organisiert, es gab keine langen Wartezeiten. Und wenn man sich umsah, das war ganz interessant, zählte man fast ausschließlich Mittelklasse- und Kleinwagen, also fast keine große Limousine. Das ist das Publikum von Urban Priol: Es fährt wirklich sehr, sehr viele Kleinwagen! Auf diese Weise stand auch kein SUV im Blickfeld. Ein Programm nicht über den Coronavirus, sondern über das Gezerre in der Politik und zeitweilige Seltsamkeiten - und da war es entspannungsfördernd zu lachen. Das war sehr gelungen. Das hat gut getan!

Lichthupe oder Autohupe - das geht auf der Stage Drive Kulturbühne Frankfurt Rhein-Main, auf dem Parkplatz der Jahrhunderthalle. In den nächsten Wochen sind dort unter anderem Bülent Ceylan, Arnd Zeiglers "Wunderbare Welt des Fußballs", Florian Schroeder oder Michael Mittermeier zu Gast. Und am 26. Juni treten die Rodgau Monotones auf.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück 25.5.2020, 7:30 Uhr

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