Igor Levit Hauskonzert - Screenshot Periscope

Konzerte im öffentlichen Raum gibt es zur Zeit nicht, aber viele Musiker spielen Konzerte von zu Hause aus und streamen sie ins Netz: Die Kultur findet ihre Wege. Die Wohnzimmerkonzerte des Pianisten Igor Levit (Link zu seinem Twitter-Account) sehen Zehntausende - eine Welle von Dankbarkeit schlägt ihm dafür entgegen.

Wo macht er das? Tatsächlich im Wohnzimmer?

Normalerweise fängt die Übertragung aus seiner Berliner Wohnung um Punkt 19 Uhr an: Er kommt ins Bild, setzt sich an den Flügel, sagt: "Ihr Lieben, heute spiele ich für Euch Beethoven" (oder Schubert oder ...), erzählt ein paar Worte zur Musik auf deutsch und englisch und was sie ihm bedeutet.

Er spielt eine halbe bis eine knappe Stunde und danach macht er die Kameras wieder aus. Sofort danach ist das Video dann gleich auch als Aufzeichnung zu sehen. Wer es also verpasst hat, kann es sich später ansehen (Link zu Periscope).

Wie fühlt sich dieser Rahmen an?

Das ist sehr entspannt, sehr relaxed, sehr intim und persönlich, eben kein Hochglanzkonzertsaal, sondern seine häusliche Atmosphäre, Wohnzimmer mit Holzboden, der schwarze Flügel ist noch nicht mal geöffnet, die Decke liegt halb drüber. Igor Levit ist leger gekleidet, kommt im Kapuzenshirt oder Pulli, spielt in Socken, die braunen Pantoffeln hat er unter seinen Flügel geschoben - eine sehr angenehme Atmosphäre ohne Barrieren, ganz ohne Zwang.

Was spielt Igor Levit denn?

Gestern und vorgestern Musik von Franz Schubert, die Moments Musicaux und die letzte Klaviersonate. Davor Beethoven-Sonaten: Appassionata, Mondschein-, Waldsteinsonate, also Werke mit Tiefgang, die gut in die Coronakrise passen, die nicht ablenken, sondern zum Nachdenken anregen, die auch Trost und Hoffnung spenden.

Levit spielt auch Programmatisches: An einem Abend brachte er Frederic Rzewskis Variationen über das Lied "The people united will never be defeated", "Wenn die Menschen vereint sind, sind sie unbesiegbar."

Die Botschaft von Igor Levit lautet: Zusammenrücken! Ja, aber bloß nicht physisch, sondern nur virtuell! Er appelliert an uns: Bleibt zuhause. Bleibt gesund. Vermeidet Sozialkontakte. Seid solidarisch.

Wie kommt er dabei rüber? Ist das auch unterhaltsam?

Nicht unterhaltsam im Sinne von amüsant oder zerstreuend, Igor Levit spricht zu Beginn langsam und bedächtig sehr ernste Worte. Wenn er am Flügel sitzt, ist er ganz in seinem Element, beugt sich tief über die Tasten oder stampft mit den Füßen auf den Boden. Es geht sowieso mehr um den musikalischen Inhalt als um die technische Verpackung, die Bildqualität ist für einen Stream o.k., die Tonqualität allerdings sehr dürftig. Aber das macht den meisten Zuschauern nichts aus.

Einen unterhaltsamen Teil gibt es aber tatsächlich, denn während Igor Levit spielt, posten die Zuschauer und Fans ihre Kommentare, die dann über den Bildschirm laufen. Aus aller Welt bedanken sich Menschen für Levits Initiative und schreiben: "Hab mich den ganzen Tag darauf gefreut", "Danke, Igor, du bist ein wunderbarer Mensch", "Habe gerade eine Kerze ans Fenster gestellt", "Igor, du bist eine Oase in der Wüste" - und auch eher lustige Kommentare, ob jetzt Rot- oder Weißwein besser zur Musik passt oder - in Anspielung an seine Pantoffeln, die unter dem Flügel stehen - schreibt jemand: "Seit Igor hier spielt, sind braune Hauslatschen komplett ausverkauft".

Das hört sich schon nach Kult an ...

Was diese Kommentare klar machen: Für viele ist das abendliche Konzert ein fester Termin geworden, Igor Levit bringt dabei Tausende von Leuten zusammen und spielt gegen Isolation und für Zusammenhalt.

Die Fragen stellte Bianca Schwarz
Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 20.3.2020, 7:30 Uhr

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