Luis Sepulveda Sepúlveda

Am 16. April starb der in Chile geborene Autor Luis Sepúlveda an den Folgen der Covid-19-Krankheit. In der Arte-Mediathek wurde nun ein Film veröffentlicht, der dem ungewöhnlichen Leben Sepúlvedas nachspürt.

Was ist das Spannende dabei?

Vor allem sind es die Lebensstationen und die enge Verbindung von Politik und Literatur, denn Sepúlveda wurde 1949 in Chile geboren. Die für sein Leben entscheidende Zeit war 1973 in der Hauptstadt Santiago de Chile unter der Regierung von Salvador Allende, dem sozialistischen Präsidenten, der dort eine Koalitionsregierung anführte, bis es dann zu dem Putsch von Pinochet gekommen ist. Sepúlveda war in jungen Jahren in Salvador Allendes Leibgarde, ohne große Ausbildung wie er im Film erzählt, bewaffnet vor allem mit politischem Idealismus.

Er war dann 24, als der Militärputsch das Ende aller Hoffnungen bedeutete und für ihn auch eine entscheidende Zäsur in seinem Leben war. Der Putsch war von den USA forciert und finanziert. Sepúlveda hat überlebt, musste eine Zeit lang im Gefängnis ausharren und wurde dort auch schlimm gefoltert. Er entkam. Es folgte eine Odyssee durch Lateinamerika bis ihm dann in Deutschland Asyl gewährt wurde.

Er hat dann zehn Jahre in Hamburg gelebt, als Journalist gearbeitet für den "Spiegel" und für andere und hat Romane geschrieben. Am bekanntesten ist "Der Alte, der Liebesromane las", auch einige Kinderbücher. Er lebte bis zuletzt in Gijón in Spanien. Also ein ereignisreiches, ein bewegtes Leben.

Legt der Film den Schwerpunkt auf den politischen Kontext, oder versucht er der Persönlichkeit des Autors näher zu kommen?

Eindeutig Letzteres. Es ist schon ein sehr persönliches Portrait geworden. Es wäre sicherlich einfacher gewesen, einen politischen Film zu machen. Es gibt auch ein paar Dokumentaraufnahmen vom Putsch in Chile. Er war auch in Nicaragua oder als Aktivist mit Greenpeace unterwegs, um gegen den Walfang zu protestieren. Aber das wird ausgespart oder nur am Rande erwähnt, um dann tatsächlich den Autor vorzustellen.

Der Anfang des Films geht in den Süden Chiles, dort, wo Südamerika aufhört: ein kleines Städtchen, eine Bucht, das ist sehr malerisch. Fischerboote dümpeln da vor sich hin, Holzhäuser, Geschäfte. Und dazwischen ist Sepúlveda, der meinte, er könne ohne das Meer und das Meeresrauschen nicht leben, denn Chile bestehe fast nur aus Küste. Deswegen dann auch die Entscheidung für Hamburg. Oder eine andere Szene: Bei einem Treffen in Santiago de Chile in späteren Jahren klagt er: Die ganze Geschichte ist weg hier in der Stadt. Sie sieht aus wie ein lächerlicher Abklatsch von Miami. Und er erklärt dann: Das ist das historische Erbe von Pinochets Architekten, die die historische Seele der Stadt zerstört haben. Da stehen jetzt seelenlose Hochhäuser. Man merkt ein sehr persönliches Portrait eines politischen Menschen.

Wir haben ja auch ein Portrait eines Menschen, der ins Exil getrieben wurde. Haben wir damit auch ein Portrait eines kosmopolitischen Menschen, der zwangsläufig in vielen Ländern zuhause war?

Zwangsläufig. Man versteht, dass die Globalisierung der Kultur sehr früh begann, und zwar aus politischen Gründen. In den 90er Jahren kam der Begriff hier auf. Aber es waren die 60er und 70er Jahre, in denen lateinamerikanische Intellektuelle ins Exil getrieben wurden. Sie kamen oft nach Europa und haben unsere Kultur hier sehr bereichert. Sepúlveda zum Beispiel mit seine Kinderbüchern: "Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden". Das ist das letzte von 2014.

Man merkt: Gerade weil der Film persönlich ist, ist auch sehr viel Trauer dabei. Der Putsch in Chile war ja der Auftakt für die neoliberale Umgestaltung vieler Gesellschaften. Mit Pinochet kamen damals die "Chicago Boys" nach Chile. Es war das erste Land, das sie verwüsten durften mit ihrer Lehre von der Privatisierung usw. Und in Brasilien sind sie immer noch am Werk mit bitteren Folgen für den Amazonas, den übrigens Sepúlveda  sehr gut kennt. Er hat einige Zeit im dortigen Urwald gelebt in unmittelbarer Nachbarschaft der Ureinwohner. Über die katzenhaften Muskeln, die man im Urwald bekommt, wenn man dort lebt, hat er auch geschrieben. Auch das wird im Film alles berichtet und erzählt.

Eine Frage zum Titel "Widerstand vom Ende der Welt": Ist damit das Küstenleben gemeint?

Das auch, aber vor allen Dingen bezieht es sich auf Patagonien in Chile, dort wo die Robbenfänger und die Matrosen sich Gute Nacht sagen. Der schönste Ort der Welt, sagt Sepúlveda einmal in dem Film: Die Bucht mit den Gletschern und Nationalparks. Im Hintergrund sieht man dann die Anden und den Corcovado – das ist der 2300 Meter hohe Vulkan, der oben sogar noch mit Eis bedeckt ist. Spektakulär schöne Bilder. Und er sagt: Da bin ich zum Autor geworden. Und wenn man diese Bilder sieht, glaubt man das sofort.

"Luis Sepúlveda – Widerstand vom Ende der Welt" heißt dieser Film. In der Arte-Mediathek ist er erhältlich bis zum 16. Juli.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 22.5.2020, 7:30 Uhr

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