Leopold Tyrmand

Eine eindrucksvolle, schillernde Hauptfigur und ein außergewöhnlicher Blick auf die Frankfurter Gesellschaft im Kriegsjahr 1943 – nach 60 Jahren kann Leopold Tyrmands autobiografischer Roman „Filip“ endlich das Publikum finden, das er verdient. Samuel Weiss hat die Geschichte für hr2-kultur mit Witz und Leidenschaft gelesen.

„Filip“ ist die fiktionalisierte, aber in weiten Teilen doch authentische Lebensgeschichte des polnisch-jüdischen Autors Leopold Tyrmand. Sein Held und Alter Ego Filip Vincel kommt als Soldat einer gegen die deutschen Besatzer agierenden polnischen Untergrundorganisation im Wilnaer Gebiet in den Besitz eines gefälschten Passes. Getarnt als Franzose mit polnischen Wurzeln meldet er sich freiwillig zum „Arbeitseinsatz im Reich“. Er will den Krieg in Deutschland sprichwörtlich im „Auge des Orkans“ überleben – als Kellner im eleganten Frankfurter Parkhotel (in der Nähe des Hauptbahnhofs). Als solcher leistet er seinen ganz persönlichen, kleinen Widerstand, indem er den Nazibonzen in den Kaffee spuckt und sie um ihre Lebensmittelkarten betrügt. Ansonsten genießt er die Frauen, die Musik und die Vorzüge der Jugend – mitten im Krieg in NS-Deutschland.

Der Roman „Filip“ erschien 1961 in Polen, wurde aber nicht ins Deutsche übertragen - er kam wohl zu früh für die bundesrepublikanische Gesellschaft von damals. Jetzt hat Peter Oliver Loew, der Leiter des Deutschen Polen-Instituts, den Text wiederentdeckt und übersetzt. Ihn interessiert besonders die ungewohnte Schilderung des Frankfurter Alltags. Was wir davon kennen: den allgegenwärtigen Rassismus, die Lebensmittelknappheit, die Bombenangriffe. Was bisher aber noch kaum so beschrieben wurde: „die eigenartige Lebenswelt, in der sich deutsche Bürgerlichkeit zusammentut mit propagandistischem Getöne und Karrieretum von Parteibonzen“, wie es Peter Oliver Loew formuliert. Tyrmand erkunde außerdem die Grauzone zwischen dem offiziellen Deutschland aus den Parteiberichten und einer zweiten Welt – die Welt der Zwangsarbeiter, der Marginalisierten und auch der Kriminellen. Und wie beide Welten sich im Frankfurter Alltag treffen: in Moslers Badeanstalt am Main, in Kneipen oder bei einem Ausflug in den Taunus.

Am 11. März erscheint der 500-Seiten-Roman „Filip“ bei der Frankfurter Verlagsanstalt. hr2-kultur präsentiert eine gekürzte Fassung, gelesen von Samuel Weiss in der Regie von Marlene Breuer.

In Ihrer Buchhandlung (erscheint am 11. März):
Leopold Tyrmand: Filip
Übersetzt von Peter Oliver Loew
FVA, 500 Seiten, 24 Euro

Sendung: hr2-kultur, Lesung, 01.04.2021, 9:05 - 9:30 Uhr.

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