Anette Lenz: Tanzfestival „Pharenheit“ im MAK Frankfurt

Das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zeigt die Ausstellung "Anette Lenz – á propos". Die Grafikerin und gestaltet das Erscheinungsbild von Städten, Theatern und Museen in Frankreich und die Schau ist als begehbare grafische Welt angekündigt. Was erlebt man da?

Farbräume, in grellorange, blau oder rot. Sie hat das Museum rund um ihre Ausstellung gestaltet, die Säulen mit schwarzen Linien und sogar den Aufzug. Darüber fließt jetzt das Foto eines Wasserfalls, analog zur Bewegung des Lifts. Anette Lenz zeigt keine reine Werkschau, sondern ihre Art zu gestalten. Und sie ist mit der Architektur des Richard-Meier-Baus in Dialog getreten und sie lenkt sogar mit dem Bodenbelag als Grafik durch ihre Ausstellung.

Sieht man auch klassische angewandte Kunst, Plakate, Broschüren?

Auch, ganz bemerkenswerte Plakate. Aber es geht um ihre Gestaltungsprinzipien, wie sie mit Rhythmus, Licht, Farbe und Reihung arbeitet. Erstmal sieht man keine fertige anwendungsbezogene Grafik, sondern das Prinzip ihrer Arbeitsweise, wie sie Fotos ineinander verschränkt und mit Buchstaben und Ziffern arbeitet und rhythmisiert: Im ersten Raum läuft drei Mal hintereinander das Wort Repetition, also Wiederholung, in schmaler und wandhoher Schrift. Da setzt sie den Begriff grafisch richtig körperlich um, man könnte ja fortwährend um die Wand herumgehen. Anette Lenz hat mir erzählt, dass sie hofft, die Bankangestellten auf der anderen Seite des Mains sehen ihre Schrift durchs Fenster. Sie lädt zu Gedankenspielen ein.

Dann sind dann auch Interventionen im Museum!?

Ja, so wie auch Plakate im öffentlichen Raum wirken. In ihrer Arbeit gibt es oft noch eine Aussage, eine andere Ebene, neben Text und Bild. So hat sie Tänzer und Tänzerinnen mit einer Wärmebildkamera fotografiert und dann grafisch bearbeitet, für das Tanzzentrum in Le Havre. Dort im Norden Frankreichs versuchen viele Geflüchtete nach Großbritannien zu kommen und man versucht sie mit solchen Kameras aufzuspüren.

Also mehr als "nur" Gestaltung in und für Frankreich?

Sie ist nach ihrem Studium in München Ende der 80er Jahre nach Paris gegangen und hat da dem Grafikerkollektiv Graphus gearbeitet, auch in den Banlieus, im Auftrag der Stadt oder Vereinen. Dieses Kollektiv hat im Rahmen der 68er Studentenbewegung ein ganz neues Konzept von Kommunikation im öffentlichen Raum entwickelt. Sie haben kommerzielle Werbung abgelehnt und eine neue Bildsprache entwickelt, mit Irritationen, unscharfen Fotos und dem Prinzip der umgeleiteten Nachrichten, also Botschaften verunklart, die sich dann mit anderen Inhalten aufladen. In diesem Sinn arbeitet Anette Lenz auch für kulturelle Einrichtungen. Und ihre Plakate finde ich spektakulär, so was habe ich noch nie gesehen.

Was ist da besonders?

Man steht vor den großen Siebdrucken, ganz fasziniert und sucht nach der Information, manchmal kann man kaum das Datum entziffern. Foto, Schrift und grafische Flächen überlagern sich und verbinden sich teilweise ganz poetisch. Manchmal sind Teile der Schrift übersprüht, Vorder- und Hintergrund verschränken sich. Also die Aufforderung länger hinzusehen. So wie es auch in der ganzen Ausstellung nirgendwo erklärende Informationen gibt.

Also einfach eintauchen und sich auf die ästhetische Wirkung einlassen...

Ja, aber einiges erfährt man dann auch nicht. Zum Beispiel den Hintergrund zu einer Plakatserie, die sie für das Theater Relax in Chaumont gemacht hat, eine kleine Stadt mitten in Frankreich. Da wurde ein Kino mit Bowlingbahn in ein Theater umgewandelt, aber die Bewohner wollten das gar nicht. Anette Lenz hat dann Fotos von den Stadtbewohner*innen in ihre Theaterplakate integriert. Man sieht die Grundschullehrerin in der schäumenden Badewanne, den Stadtgärtner beim Graben, spielende Kinder - die Menschen haben sich auf den Plakaten wiedergefunden und mit dem Theater identifiziert. Herrlich! Und die Plakate sind wieder ganz eigen gestaltet, mit grafisch dreidimensionalen Räumen um die Personen und darin verläuft die Schrift perspektivisch, in alle möglichen Richtungen. Ein beeindruckendes Werk und eine ganz besondere Ausstellung, unbedingt sehenswert.

Anette Lenz - à propos
Museum Angewandte Kunst
Frankfurt
noch bis zum 3. Januar 2021

Die Fragen stellte Anna Engel
Sendung hr2-kultur, 10.7.2020

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