Das Merlin Ensemble Wien und Hermann Beil (li.)

In Texten und Tönen hat das Merlin-Trio im Staatstheater Wiesbaden an jene Musiker und Künstler erinnert, die im Konzentrationslager Theresienstadt komponiert und geschrieben haben und von Deutschen ermordet wurden.

Das Staatstheater Wiesbaden hat eine Sondergenehmigung: Wo über tausend Menschen normalerweise Platz finden, dürfen in Corona-Zeiten nicht nur bis zu hundert, sondern bis zu 200 Zuhörer sitzen - natürlich mit Mund-Nasen-Schutz und mit ausreichenden Sicherheitsabstand. Gestern waren jedoch höchstens 80 Zuhörer da - und im Parkett, wo ich gesessen habe, nur rund 30 Personen. Und das ist dann für Publikum und Künstler eine Situation, an die man sich erst einmal gewöhnen muss.

Musik war Hoffnung wider das Vergessen. Was war zu hören?

Die vier Künstler aus Österreich, also Theaterregisseur Hermann Beil und das Merling Ensemble Berlin, haben das Publikum in Texten und Tönen in das so genannte Ghetto Theresienstadt mitgenommen, an einen Ort des Schreckens, des Grauens, der Vernichtung, in dem Schreiben von Texten und Komponieren, von Musik Hoffnung bedeutete. Hoffnung, die leider unerfüllt bleiben sollte. Da war dann Musik von Pavel Haas zu hören, 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet; von Hans Krasa, der in Theresienstadt seine Kinderoper "Brundibar" komponiert hat, 1944 auch nach Auschwitz deportiert und ermordet; oder von Viktor Ullmann, der in Theresienstadt das musikalische Leben unter widrigsten Bedingungen mitgestaltet und dort unermüdlich komponiert hat, auch er 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet. Das war Musik, die sehr reizvoll zu hören war, weil sie in wechselnder Besetzung vorgetragen wurde. Mal das gesamte Klaviertrio, mal nur Geige und Klavier oder Cello und Klavier oder auch mal Geige und Cello ohne Klavier.

Hört man der Musik die Umstände an, unter denen sie komponiert worden ist?

Man kann sich natürlich als Zuhörer nicht lösen von dem tragischen Schicksal, das die Komponisten hatten. Man hört Musik dann auch anders, wenn man die Geschichte der Musik kennt. Trotzdem versucht man sich natürlich davon loszulösen. Es ist Musik, die verzweifelt ausbrechen kann, die mit einer unglaublichen Kraft, mit einem Lebenswillen, mit einem Ausdruck von Kreativität ertönt, denn sie ist ja Überlebensstrategie. Es gibt neben traurigen und resignativen Momenten auch Aufbegehren, viel Humor, sogar Tanzrhythmen, ein wilder Walzer oder Tango-Anklänge - also im Prinzip ein Stück kompositorische Normalität, wenn auch unter menschenverachtenden Bedingungen. Und man muss sich das wirklich klarmachen: Das ist Musik, die wir nur deshalb heute hören können, weil die Musik im Gegensatz zu den Komponisten Theresienstadt überlebt hat - ein sehr intensiver Konzertabend, der mich sehr bewegt und berührt hat.

Diese Musik hat sich gestern abgewechselt mit Texten, die Hermann Beil gelesen hat...

Eine sehr interessante Mischung aus Gedichten, satirischen Texten und Geschichten über die Komponisten. Begonnen hat Hermann Beil mit dem bekannten Gedicht von Ilse Weber "Ich wandere durch Theresienstadt". Das kennen sicherlich viele Hörerinnen und Hörer, es endet mit der bangen Frage "Wann sind wir wieder frei?" Beil trägt einen satirischen Text des Kabarettisten Leo Strauss vor, der von Theresienstadt spricht, als sei es ein Städtchen, der sich lustig macht über den Zynismus der Nationalsozialisten im sogenannten Vorzeige-Ghetto der Nazis, in dem die Juden ein vermeintlich normales Leben führen dürften mit Theatern, Kinos, Konzerten und Cafés. Und für mich ist genau diese Mischung aus Gedichten und Literatur sehr gelungen gewesen, weil sie unterfüttert mit Informationen war. Der kleine rote Faden in diesem ganzen Abend war die Geschichte des Komponisten Gideon Klein der mit nur 25 Jahren gestorben ist und trotz seines jungen Alters in Theresienstadt viele Ältere verzagte, deprimierte Komponisten ermutigt und motiviert hat, durchzuhalten und weiter zu komponieren. Das ist ihm auch gelungen. Gideon Klein, ein großes musikalisches Talent. Ich hatte vorher noch nichts von ihm gehört. Es gab ein Duo für Violine und Cello. Das war so toll, dass es dann auch eine der vielen Zugaben war für ein sehr dankbares Publikum.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 26.5.2020, 7:30 Uhr

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