Silke Scheuermann

Diese Woche sind wir im Opel-Zoo in Kronberg im Taunus. Diesen Ort hat sich die Schriftstellerin Silke Scheuermann ausgesucht. Warum sie da gerne die Tiere besucht? Weil sie dadurch lernt, aus ihrer Perspeltive zu schreiben.

Silke Scheuermann hat ein blaues Sommerkleid an. Sie ist Schriftstellerin und lebt in Offenbach. Den Opel-Zoo kennt sie sehr gut, weil sie oft mit ihrem Hund Tao hier war. Den hatte sie sich vor 18 Jahren angeschafft. Tao war ein "Chinese Foo" mit dichtem, flauschigen Fell. Die Züchterin hatte damals vorgeschlagen, mit dem Hund in den Zoo zu gehen, damit er sich an andere Tiere gewöhnt und umgänglicher wird.

"Er konnte die ganzen Tiere riechen, aber es war auch für mich aufregend und schön. Wir lernten uns kennen, der Hund und ich. Er hat seitdem auch immer ein gutes Verhältnis zu anderen Arten gehabt. Ich hab' zum ersten Mal da auch eine Beziehung zu einem Tier aufgebaut, das war für mich selber was ganz Neues. Und hab auch angefangen, mich mehr für die Beziehung Mensch–Tier zu interessieren, hab' dann auch drüber geschrieben."

Über dieses Schreiben hat Silke Scheuermann eine Poetik-Vorlesung gehalten, an der Frankfurter Goethe-Universität. Sie wollte Geschichten aus der Sicht von Tieren schreiben, ohne sie dabei zu vermenschlichen. Also keine Schafs- oder Katzenkrimis, sondern Geschichten, in denen die Leser sich wirklich in die Wahrnehmung von Tieren einfühlen können. Obwohl es so schwierig ist, aus der Perspektive des Tieres zu schreiben, hat Silke Scheuermann es gemacht. Inspiriert von ihrem eigenen Haustier ist das Prosa-Gedicht „Der Hund“ entstanden:

"Es gibt im Reich der Tiere keine Heiligen, nur Frühstück und Abendessen.
Und die Person, die du abgöttisch liebst, von der du Befehle erhältst und befolgst.
Wenn sie mir zu warten bedeutet wage ich nicht mich wegzubewegen.
Ich kann ihren Kummer riechen, ihre Freude versengt mir wie Sonne die Netzhaut.
Manchmal strahlt sie prächtiges Gelb aus.
Ich höre ihren leeren Magen noch bevor sie weiß, sie hat Hunger.
Ich springe an ihr hoch, belle ihr meine Anteilnahme entgegen."

Silke Scheuermanns Hund Tao lebt mittlerweile nicht mehr. Aber ihre Begeisterung für Tiere ist geblieben. Egal wo auf der Welt Silke Scheuermann gerade ist: Wenn es einen Zoo in der Stadt gibt, geht sie hin. Zum Beispiel in Saint Louis, wo sie vor zwei Jahren für ein Semester an einer Uni unterrichtet hat. Und beim Spaziergang mit ihr hat man das Gefühl, Silke Scheuermann kann zu fast jeder Tierart so eine Geschichte erzählen. Und auf die Frage, wie wichtig ihr die Natur ist, hat sie eine Antwort, die zuerst sehr nüchtern, aber dann sehr poetisch klingt:

"Ich bin keiner von diesen Spinnern, die morgens um fünf am Main stehen und Vögel beobachten. Aber wenn mein Hund raus musste, hatte ich zum Beispiel beim Joggen Momente, wenn die Sonne aufgeht, man die Natur sieht: Virginia Woolf nennt das „moments of being“, Momente des Seins, wo man da steht und merkt wie schön alles ist. Man ist vollkommen klar einerseits, und anderseits wie aufgelöst in all dem."

Sendung: hr2-kultur, ab 6.7.2020

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