Museum Wiesbaden: Lebensmenschen

Die Ausstellung "Lebensmenschen - Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin" im Museum Wiesbaden war zwar Mitte März noch eröffnet worden, musste aber wenige Tage darauf bereits wieder schließen. Jetzt will sie neu gesehen werden.

Werke von Marianne von Werefkin

Es gibt zahlreihe Werke von Marianne von Werefkin. In der Ausstellung in Wiesbaden wird sie nicht als die "Frau von" oder die "Künstlerfreundin von" vorgestellt, sondern sie wird fassbar als eine Malerin mit eigener Position und als eine treibende Kraft in der Entwicklung der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Marianne von Werefkin war eine Ausnahmeperson. Angehörige des russischen Hochadels, gefeierte Künstlerin. In Russland wurde sie Ende des 19. Jahrhunderts als der "neue Rembrandt" verehrt. Sie entdeckte den jungen Alexej von Jawlensky und beschloss ihn zu fördern. Die beiden gingen nach München. Ihr Salon wurde zum Zentrum der Avantgarde, Jawlensky entwickelte dort gemeinsam mit anderen Künstlern den Expressionismus.

Ein Liebespaar?

Ja und nein. Die Ausstellung in Wiesbaden zeigt die komplexe Beziehung der Beiden auf verschiedenen Ebenen. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft und Künstlerfreunde. Sie lebten 29 Jahre zusammen, aber auf einer eher geschwisterlichen Ebene. Jawlensky verliebt sich in München in das gemeinsame Dienstmädchen, erkennt in der damals erst 15jährigen Helene Nesnakomoff seine "innere Heimat" und bekommt mit ihr einen gemeinsamen Sohn. Zwanzig Jahre lang lebten diese vier ungleichen Menschen zusammen, bis Jawlensky 1921 nach Wiesbaden zog und hier Helene endlich heiratete. In der folgenden Rezeption ist Marianne von Werefkin als Künstlerin immer ein wenig an den Rand gedrängt worden.

Präsentation auf Augenhöhe

In der Ausstellung werdne die beiden Künstler Jawlensky und Werefkin auf Augenhöhe präsentiert. Der Betrachter erlebt sofort Geschichten, die emotional berühren. Das Leben erscheint hart, sie zeigt schwer arbeitende Menschen mit gekrümmten Schatten. Der Einzelne wird von der Existenz als solcher regelrecht bedrängt. Kleine Figuren, viel Raum, die Berge bis zum oberen Bildrand hochgezogen, die Natur bedrückend und düster. Werefkins Farben sind intensiv, leuchtend blau und rot, aber immer erzählend. Das (gestörte) Verhältnis von Mann und Frau ist ein wiederkehrendes Thema.

Werke von Alexej von Jawlensky

Obwohl beide Künstler sehr verschieden arbeiten, ergänzen sich die Bilder auf überraschend harmonische Weise. Jawlensky ist im Vergleich deutlich wuchtiger, vielleicht wirkt die Hängung auch suggestiv. Die Farben passen überraschend gut zusammen. Manchmal wirkt es, als würde Jawlensky aus der Menge, der großen Szene, die Werefkin zeigt, einzelne Figuren herauszoomen und zeigt diese dann in Form seiner großen Köpfe.

Dramatische Biografien

Vergrößerte Fotografien oder Briefe lassen die Menschen und die Zeitgeschichte lebendig werden. Und das ist eine Reise von der Aristokratie des Zarenreiches, das mondäne Leben der russischen Bohème in München, der Erneuerung der Malerei im Kreise des Blauen Reiters bis hin zu den Schicksalsschlägen von Krieg, Flucht und Exil. Der farbenprächtige Bilderbogen endet tragisch: Werefkin stirbt 1938 verarmt in Ascona, Jawlensky, mittlerweile nahezu vollständig gelähmt, zeichnet zur selben Zeit ein letztes Mal sein Gesicht. Gänsehautmoment am Ende der Ausstellung.

Fazit

Eine üppige, farbenprächtige Ausstellung mit fast 200 Exponaten zu zwei Ausnahmekünstlern. Sensibel und kraftvoll gehängt. Hochkarätige Leihgaben zeigen die künstlerische Vielfalt beider Künstler. Der umfangreiche Katalog lässt den Kunstfreunde tief in die Hintergründe eintauchen.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 15.5.2020, 7:30 Uhr

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