Balkonkunst von Raul Walch

Die Isolation schafft neue Herausforderungen. Ausstellungen bleiben zu oder können gar nicht erst eröffnet werden, das Publikum bleibt fern. Die unfreiwillige Pause bietet auch Raum für Neues – auf den Sozialen Plattformen entsteht eine neue Kommunikation, etwa auf dem Twitter-Account #MuseumFromHome.

Was findet sich dort auf Twitter?

Viel Kreativität, viel Persönliches, Nachrichten von Künstlern, Initiativen, die es nicht in die etablierten Medien schaffen. Eine der wichtigsten Adressen im Augenblick ist auf Twitter zu finden unter dem Hashtag #MuseumFromHome. Da findet sich ein wildes, aber sehr reichhaltiges Sammelsurium von unterschiedlichsten Museen aus der ganzen Welt.

Welche Museen sind dort vertreten?

Es werden immer mehr, eine Übersicht ist deshalb schwer zu geben. Es gibt ja bei Twitter genau wie bei Facebook auch eine Timeline, es kommen also immer neue Tweets, Artikel, hinzu. Deshalb sieht man auch immer wieder anderes, neues. Es finden sich bei #MuseumFromHome sowohl die großen Tanker, als auch die kleinen Boote – bekannte Museen aus Deutschland, Pinakothek der Moderne in München oder Museum Ludwig Köln, international der Pariser Louvre, das Victoria & Albert Museum in London oder das ägyptische Museum in Kairo. Es finden sich nicht nur Kunstmuseen, genauso Naturkundemuseen, Technikmuseen, historische, archäologische Museen, Museen zu Puppenstuben genauso wie zu Automobilen - alles, was man sich vorstellen kann. Museen aus Japan, Indien, Pakistan, Aserbaidschan, viele Museen aus den USA und Großbritannien, aus den verschiedensten europäischen Ländern, eine wahrhaftige Zusammenkunft einer internationalen Museumsfamilie. Es ist wirklich überraschend und spannend zu sehen, wer alles dabei ist, und es macht Spaß gerade die kleinen und unbekannten zu entdecken.

Weiß man, wie diese Plattform entstanden ist?

Die Initiative geht zurück auf einen Freiberufler aus Großbritannien, Sascha Coward, der sich auf Vermittlungsarbeit spezialisiert hat. Unter Quarantäne stehend, hat unter dem Hashtag #MuseumFromHome zunächst eigene Videos gepostet, auf denen die besten Geschichten aus seinen zehn Jahren Museumsarbeit zum Besten gab, wie zum Beispiel die Geschichte der Monddarstellungen im 18. Jahrhundert, der Selenographie. Innerhalb kürzester Zeit wandelte sich diese Plattform dann zum großen Treffpunkt der weltweiten Museumsszene, die von zu Hause aus Museumsgeschichten zum Besten gibt. Eine echte Internet-Erfolgsgeschichte.

Nur hartes Kunstwissen oder auch Lustiges, Fun Facts?

Die Cooper Gallery der Harvard-Universität in Cambridge/USA sendet regelmäßig Puzzles von historischen Gemälden, die man am Computer lösen kann, das umbrische Regionalmuseum in Perugia hat eine Malanleitung für Kinder gepostet, man findet Naturhistorisches zu Worms on wendsday oder Turtle Tuesday.

Was hat Sie begeistert?

Der Video Channel des Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, Dänemark. Diese Plattform erweitert die Museumsarbeit ins Digitale und möchte das Verständnis für Kunst und Kultur fördern. Hier finden sich Gespräche mit Künstlern, Schriftstellern, Musikern und Architekten. Das sind kurze Filme zwischen 2 und 7 Minuten: Die Künstler sind zum Teil recht bekannt, Pipilotti Rist, Paul Auster, Laurie Anderson oder Daniel Liebeskind. Es sind sehr reflektierte Gespräche zu grundlegenden Fragen der künstlerischen Arbeit. Die Künstlerin Elina Brotherus antwortet etwa auf die Frage, welchen Rat sie für junge Künstler hat: "Sprachen lernen, aus dem Heimatland wegziehen, in der Fremde nimmt man Dinge anders war, sieht Dinge zum ersten Mal und ist ein Außenseiter", was Künstlern immer gut tun würde.

Neben vielem, was sich international tut - gibt es ein Beispiel aus Deutschland, das aus der Masse herausragt?

Kein Post eines Museums, sondern von dem Online Magazin Artnet news. Hier wird unter anderem über Ausstellungen berichtet, Künstler portraitiert und Nachrichten aus der Kunstwelt verbreitet. Der Artikel, der mir ins Auge fiel, berichtete über eine Aktion aus Berlin. Das Projekt nannte sich: "Leben, Kunst, Pandemie und Nachbarschaft": Berliner Künstler haben über das Osterwochenende ihre Balkone zur Ausstellungsfläche gemacht. 50 Künstler haben daran teilgenommen, unter anderem Raul Walch und der Olaf Nicolai. Walch sagte zu der Aktion, dass Lockdown nicht bedeutet, die Gedanken einzusperren, sondern dass "Kunst und Künstler immer einen Weg finden würden, eine neue Öffentlichkeit zu generieren". Die Kunstwerke wurden auf Balkonen und in Fenstern gezeigt und sollten eine kreative Botschaft der Solidarität während des Lockdowns senden.

Also völlig neue Entdeckungen aus der Kunstwelt!

Ja! Das sind news, die ich über die üblichen Medien nicht finde. Allerdings: Alle diese Webperlen sind auf Englisch, das ist einfach die Sprache der Kunstwelt und der internationalen Welt. Auf einer Plattform wie Twitter, die sich an ein internationales Publikum richtet, ist das die mit Abstand häufigste Sprache.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 17.4.2020, 7:30 Uhr

 

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit