Zehra Dogan im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden

"Der Kunst ihre Freiheit" heißt die neue Ausstellung im Nassauischen Kunstverein. Gezeigt werden Bilder der Journalistin und Künstlerin Zehra Doğan. Entstanden ist diese Kunst unter widrigsten Bedingungen – während ihrer Haft in türkischen Gefängnissen. Jetzt sind die Bilder das erste Mal in Deutschland zu sehen.

Redaktioneller Hinweis:
Die Inhalte dieses Artikels können unter Umständen verstörend wirken und beinhalten Schilderungen von Gewalt und deren Auswirkungen.

Sie hatte ein Bild gemalt, mit Wasserfarben. Darauf zu sehen: Eine zerstörte kurdische Stadt, Rauchwolken und Trümmer. Auf den Ruinen türkische Flaggen. Im Vordergrund: gewaltige Monster. Eine Mischung aus Krokodilen, Skorpionen und Militärfahrzeugen. Das offene Maul des vordersten Ungeheuers verschlingt eine Reihe von Menschen. Zehra Doğan hatte sich das Motiv nicht ausgedacht. Sie verfremdete ein offizielles Foto der türkischen Armee, das die zerstörte Stadt Nusaybin im Jahr 2017 zeigt. Ihr Gemälde hat sie über soziale Netzwerke im Internet geteilt. Darauf folgte die Festnahme. Der Vorwurf: Terrorpropaganda. Das Urteil: Zwei Jahre, elf Monate und 22 Tage Haft.

"Kunst ist Zeuge von Kriegsverbrechen, die der türkische Staat verübt hat."

Nazéy Kulu, eine mit der Künstlerin befreundete Journalistin, führt am Eröffnungsabend durch die Ausstellung. Die Bilder sind erschütternd. Da sieht man Körper von Frauen in einem Meer von Blut. Ein Gesicht schreit verzweifelt auf. Mit Schwarz, Weiß und Rot gemalt auf eine Zeitungsseite von 2017. Der Artikel im Hintergrund zeigt ein Foto. Man erkennt einen Mann mit Wunden im Gesicht und am Hals. Er hält sich die Seite und hat die Augen geschlossen.

Bilder aus Blut, mit den eigenen Haaren gemalt

Zehra Doğan hat auf Zeitungen gemalt, weil sie kein anderes Material im Gefängnis hatte. Gleichzeitig erfuhr sie durch die Artikel von dem Geschehen in den kurdischen Gebieten. Andere Bilder der Ausstellung sind auf Stofffetzen oder Pappe gemalt. In den nach dem Putschversuch 2016 völlig überfüllten Gefängnissen gab es kein Malwerkzeug und keine Farben. Aber es gab viel Solidarität der Frauen untereinander.

Zehra Doğan bastelte sich selbst Pinsel aus den Haarsträhnen, die sie von ihren Mitgefangenen bekam. Aus Mangel an Farben benutzte sie Essensreste und Menstruationsblut. Nicht nur ihr eigenes. Sie gab ihren Mitgefangenen Dosen, damit diese ihr Blut auffangen konnten. Nachdem die Anstaltsleitung dies mitbekam, wurde sie verlegt.

Insgesamt hat sie während ihrer Haft mehr als 300 Bilder gemalt. Man spürt, wie sie unter die Haut gehen. Zeichnungen von menstruierenden Frauen mit nackten, kahlrasierten Schädeln liegen auf dem Boden. Zwischen ihnen Stoffe, auf denen Tagebucheinträge zu sehen sind. Frauen haben diese Stoffe auf Besuchen erst in das Gefängnis hinein und dann wieder hinaus geschmuggelt. Unter ihren Kleidern, auf der Haut. An der Wand stehen Zitate ins Deutsche übersetzt:

"Manchmal kann ich nicht mehr atmen. Meine Hände zittern vor Kälte, aber hartnäckig male ich weiter. Ich weiß nur, dass ich diesen Kampf führen muss, um ich selbst zu sein. Meine Kunst gilt als terroristischer Akt."

Zehra Doğan ist und war keine Unbekannte. Sie hatte die erste, nur von Frauen betriebene Nachrichtenagentur in der Türkei mitbegründet. Für eine Reportage über Jesidinnen, die Opfer des IS geworden waren, bekam sie 2015 den Metin-Göktepe-Journalisten-Preis. Noch im Gefängnis arbeitete sie, gemeinsam mit anderen Frauen, an einer Zeitung. Die Texte wurden nach draußen geschmuggelt und gemeinsam mit Doğans Bildern im Ausland ausgestellt.

Von dort kam auch die prominenteste Unterstützung: Anlässlich des Tages der Pressefreiheit forderte der chinesische Aktivist und Künstler Ai Weiwei ihre Freilassung. In New York zeigte der Streetartkünstler Banksy ein Wandbild, das die Künstlerin hinter Gittern zeigte, darunter der Schriftzug: "Freiheit für Zehra Doğan". Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen – nach Verbüßung ihrer Haftstrafe wurde sie entlassen und lebt heute in London. Sie plant, im Februar für eine Peformance den Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden zu besuchen und sich ihre Ausstellung anzusehen.

Der Zeit ihre Kunst
Nassauischer Kunstverein Wiesbaden
Bis 8. März 2020

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 25.1.2020, 8:45 Uhr

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