The Norwegian Radio Orchestra

Die Musik von Edvard Grieg kennt jeder, oder? Vor allem seine Stücke nach norwegischen Motiven erfreuen sich großer Beliebtheit bei Klassikfans in aller Welt. Aber kennen Sie auch solche Namen wie Johann Svendsen, Christian Sinding, Harald Sæverud oder Geirr Tveitt? In Norwegen ist der Klang dieser Namen fast gleichbedeutend mit dem von Edvard Grieg. Bei uns kennt sie kaum jemand. Das wird sich hier und jetzt ändern!

Wenn man an klassische Musik aus Norwegen denkt, dann doch wohl als Erstes an die Morgenstimmung aus der Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg. Sie vermittelt den auswärtigen Musikhörern das richtige Norwegengefühl. Dafür verschmolz er die Elemente der norwegischen Volksmusik mit denen der musikalischen Spätromantik.

Grieg ist nicht alles!

Aber sonst? Welchen Komponisten aus Norwegen kennt man noch so? Durchgesetzt im klassischen Kanon hat sich nur der mann Mann aus Troldhaugen. Dabei verfügt Norwegen doch über ein reichhaltiges Musikleben und blickt auf lange musikalische Traditionen zurück. Das beginnt schon im Barock: Georg von Bertouch war ein deutschstämmiger Komponist und Offizier der damaligen dänisch-norwegischen Armee. Er verfügte über weit verzweigte Beziehungen im europäischen Musikleben, so korrespondierte er etwa mit Johann Sebastian Bach. Ähnlich Bachs Verfahren im „Wohltemperierten Klavier“ verfasste Georg von Bertouch 24 Sonaten, von denen jede in einer anderen Tonart steht.

Freithoff, Bull... und wieder Grieg

Der Wiener Klassik verwandt ist die Musik von Johan Henrik Freithoff. Er wirkte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Violinist bei Hofe. Studiert hatte er in Italien. Die Zeitgenossen schätzten den süßen Klang seiner Musik. Als Vorreiter einer eigenen norwegischen Musikkultur erwies sich im 19. Jahrhundert der Geiger Ole Bull. Er sammelte norwegische Volkslieder und Tänze, gründete ein Theater, in dem ausschließlich norwegische Stücke gespielt wurden, und organisierte die ersten Auftritte von Volksmusikern vor dem Osloer Bürgertum. Ole Bull war auch der Entdecker und Förderer von...Edvard Grieg!

So klingt nur Norwegen!

Im späten 19. Jahrhundert dann, als Norwegen auch politische Unabhängigkeit anstrebte, kreiierte Edvard Grieg den Sound der norwegischen Nationalmusik. Aber keineswegs er allein. Da war noch sein Zeitgenosse Johan Svendsen. Als weltweit erfolgreicher Violinist und zwischenzeitlicher Kapellmeister in Leipzig sammelte Johan Svendsen internationale Erfahrung. Wie Grieg stützte auch er sich auf die Volksmusik und komponierte norwegische Rhapsodien, Chöre und Lieder. Am bekanntesten ist heute seine Violinromanze.

Große Fußstapfen 

Als direkter Nachfolger Griegs und Svendsens wird in Norwegen Christian Sinding gesehen. Das dürfte daran liegen, dass er vor allem Lieder auf norwegische Texte und lyrische Klavierstücke schrieb. Darunter auch die weltweit wohl erfolgreichste norwegische Musik, die nicht von Edvard Grieg stammt, das Salonstück "Frühlingsrauschen". Das Triumvirat Grieg, Svendsen und Sinding schuf die Grundlagen einer national-romantischen Musiktradition in Norwegen. Dem Einfluss Griegs hatten norwegische Komponisten erst nach 1930 etwas entgegenzusetzen: Harald Sæverud verband norwegische Volksmusik mit modernen Kompositionsmethoden wie freier Tonalität. Wenn er in seinen Peer-Gynt-Suiten von 1948 die Trolle tanzen lässt, dann klingt das deutlich ruppiger als bei Grieg!

Nach dem Krieg

Modern wirkt auch die Musik von Geirr Tveitt. Zusammen mit Sæverud zählt er zu den führenden norwegischen Komponisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte. In seinem vierten Klavierkonzert illustriert er das Polarlicht. Heutzutage haben sich die Komponisten Norwegens weitgehend von dem Einfluss Griegs und des mit ihm verbundenen "goldenen Zeitalters der norwegischen Musik" befreit. Der Bauer aus dem Landesinneren als Prototyp alles Norwegischen hat ausgedient. Statt an Grieg orientieren die Komponisten von heute sich eher an Fortein Valen. Er schuf in den 1930er Jahren eine eigene dissonante Polyphonie.

Humor löst Romantik ab

Die aktuellen norwegischen Komponisten haben aber nicht nur andere Vorbilder als ihre Vorgänger im 20. Jahrhunderts, sie haben auch eindeutig mehr Sinn für Humor. Der 1964 geborene Dagfinn Koch etwa kombiniert den Klang norwegischer Militärkapellen mit Wagners Walkürenritt und arabischen Tonleitern. Das ist nun wirklich weit entfernt von jeder norwegischen Schäferromantik.

Sendung: hr2-kultur, Klassikzeit, 11.10.2019, 10:30 Uhr

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