Kombüse

"Onkel Theo", sage ich beim Frühstück, "ich glaube, wir müssten mal aufräumen!" Ich sage es zweimal, weil man sich zwischen den Geschirrbergen kaum noch hört, und beim zweiten Mal sagt Onkel Theo dann, er wolle nicht aufräumen. Er wolle nicht eingesperrt sein, er wolle nicht abwarten, er wolle nicht immer nur die gleichen Gesichter sehen, er wolle das alles nicht mehr, und vor allem wolle er nicht aufräumen. Er habe das jetzt oft genug gemacht und am Ende, das müsse er mir jetzt einfach so sagen, wird es doch wieder unordentlich, am Ende wird alles immer unordentlich.

Was er denn dann tun wolle, frage ich und Onkel Theo sagt: "anheuern". Er habe da jetzt 82 Jahre drüber nachgedacht und was er eigentlich tun wolle, sei zur See zu fahren. Er wolle endlich ablegen, er wolle abentern und abfaden und abloten, er lese gerade ein Marinewörterbuch und sei zwar noch nicht über den Buchstaben "A" hinausgekommen, aber schon da habe sich alles sehr schön angehört und auf jeden Fall besser als exponentielles Wachstum, als Kontaktsperre, als Übersterblichkeit. Ob er denn schon irgendwelche Erfahrungen habe mit der Marine, frage ich. "Nicht direkt", sagt Onkel Theo, aber wenn er den Bauch einzöge, würde es zum Leichtmatrosen wohl reichen.

Kurz fürchte ich, dass gerade nicht die besten Zeiten für unerfahrene Seemänner über 80 sind, doch dann begreife ich, dass es wie so oft genau andersrum ist: Onkel Theo, sage ich, Onkel Theo wir sind ja gar nicht in Quarantäne, wir üben Seefahrt! Wie könnte man sich besser darauf vorbereiten wochenlang mit den gleichen Menschen auf einem Schiff zu leben, als wochenlang mit den gleichen Menschen in Quarantäne zu leben. Abgesehen von der Sache mit dem Meer ist soziale Isolation ja in Wahrheit auch nur zur See fahren. In Wahrheit müssen wir auch gar nicht aufräumen, sondern einfach mal wieder klar Schiff machen. "Klar Schiff machen, das klingt schön!" sagt Onkel Theo und trägt seinen Teller in die Kombüse. Als er das Deck schrubbt, wedle ich ihm etwas Salzwasser ins Gesicht. "Steife Brise" grummelt er und zieht den Kragen seines Wollstrickpullovers ins Gesicht. Kein Seemann hat jemals so selig in seinen Kragen gegrummelt.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 6.4.2020, 7:15 Uhr

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