Bahnhof Diedorf

Seitdem das alles begann, hatte ich meinen Kalender nicht mehr in der Hand, er fühlt sich schön an und fremd. Ob etwas nicht stimme, fragt Onkel Theo. Nein, sage ich und schaue in den Kalender, es ist alles da, da ist der März, der April, der Mai, da sind Wochentage, da sind Termine, da sind Verabredungen, "da sind Tränen in deinen Augen", sagt Onkel Theo. Ich wisse auch nicht, warum da Tränen sein, vielleicht der Staub, sage ich. "Ich glaube, du weinst", sagt Onkel Theo.

Das könne ja wohl nicht sein, sage ich. Man könne ja wohl in dieser Situation nicht weinen, nur weil man eine Lesung in Kiel gehabt hätte, und weil man noch nie in Kiel war und da jetzt sobald auch nicht mehr hinkomme. Man könne doch nicht wegen abgesagter Termine weinen, wegen Hannover, wegen München, wegen Mädelsabend mit Jürgen, wegen Wiesbaden oder Diedorf, ob er wisse wie schön Diedorf sei, frage ich. Das wisse er nicht, sagt Onkel Theo. Ich auch nicht, sage ich und jetzt werde ich es vielleicht niemals erfahren und das ist doch wirklich kein Grund zum Weinen.

Morgen wollte er eigentlich zur Doppelkopfrunde, sagt Onkel Theo und immer Freitags trifft er Gisela zufällig beim Bäcker. Wer Gisela sei, frage ich, und Onkel Theo sagt, ich solle nicht immer mit Gisela anfangen, ich sei ja völlig besessen, dabei ginge es doch darum, dass er auch einen Kalender habe, der ihn traurig mache. Aber man dürfe doch wegen sowas nicht traurig sein, sage ich. Doch, sagt Onkel Theo, er habe das überprüft, man dürfe nicht Händeschütteln, man dürfe sich nicht besuchen, in manchen Städten dürfe man nicht auf einer Parkbank sitzen, nicht mal allein, aber traurig sein, das dürfe man, das dürfe man immer.

Es fühlt sich falsch an, sage ich. Vieles fühle sich gerade falsch an, sagt Onkel Theo und ist ja trotzdem wahr. Onkel Theo holt seinen Kalender aus der Brusttasche und reißt den April heraus, ich tue es ihm gleich. Gemeinsam legen wir die Blätter in den Kamin. Sie brennen schnell und hell, und dann sind sie weg. Die Trauer bleibt ein bisschen länger

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 7.4.2020, 7:15 Uhr

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