Dmitry Golovnin (Sergei) und Anja Kampe (Katerina Ismailowa)

Das Musikdrama wurde 1943 uraufgeführt, es geht um eine Liebe, die von der Außenwelt nicht gewünscht ist - und dieses Problem löst das Liebespaar auf skrupellose, ja blutige Art und Weise. Erotik spielt eine große Rolle in dieser Oper - das hatte zu Schostakowitschs Zeiten zu Diskussionen geführt. Und heute?

Kleine Mittel, Riesenwirkung

Die Frankfurter Aufführung ist auch mit etwas Abstand beeindruckend. Erstaunlich, wie gut dieses Stück ist, wie fantasievoll und direkt Schostakowitsch den Text und die Handlung zur Wirkung bringt, wie hervorragend die musikalische Ausführung von Sängern wie dem Orchester unter Sebastian Weigle ist und wie mit wenigen Mitteln es Regisseur Anselm Weber gelingt, Menschen auf die Bühne zu stellen, deren Schicksal uns unmittelbar berührt.

Brutalität als groteske Kritik

Die Oper stellt den Durchbruch Schostakowitschs, auch international, dar. Zwei Jahre nach der Uraufführung besuchte Stalin eine Aufführung, seine bestellte Kritik in der "Prawda" sah "Chaos statt Musik". Der Komponist selbst fasste das als Bedrohung - nicht nur seiner Kunst, sondern auch seines Lebens - auf. Den Gewalttäter Stalin störte wohl eher weniger die Erotik als die knallharten Seiten der Musik und vor allem das Groteske, das Überdrehte, die Satire, mit der das Stück Teile der russischen Gesellschaft aufs Korn nimmt: Exzesse, Vergewaltigung, zwei Morde und auf der anderen Seite die Nähe von Lust und Gewalt zwischen Mann und Frau - Die Stärke dieser Frankfurter Inszenierung ist das alles nicht als Selbstzweck darzustellen, sondern, im Verein mit der Musik, bei allem diese Grenze zum Grotesken aufzuzeigen. Und gelegentlich zu übertreten.

Derb, heftig, mitreißend

Wir sehen ein graues, betonartiges Halbrund – der von Kaspar Glarner gebaute Spielort ist nicht gerade gemütlich, eher dröge, abweisend, und ebenso kühl steht es mit den Gefühlen. Hier erzählt die früh gealterte Katharina (Anja Kampe) von ihrer Langeweile, setzt bisweilen eine 3-D-Brille auf und sieht bunte, blühende Natur: Ihre Flucht aus der Realität ist leicht zu verstehen. Schostakowitsch sagte, "die Oper handelt auch davon, wie Liebe sein könnte, wenn nicht rings herum Schlechtigkeit herrschte". Ja, derb und deftig geht es zu. Und Langeweile wird ebenso drastisch und aussichtslos gezeigt wie die Gier nach körperlicher Vereinigung, die Katharina fälschlich für Liebe hält. Man hat nach den beiden Morden fast Mitleid mit ihr, wenn sie am Ende in einer Ecke kauert und die Wahrheit über ihren Sergej (Dmitri Golovin) mitansehen muss. Und folgerichtig mit ihrer Konkurrentin ins Wasser geht.

Diese Geschichte geht uns alle an!

Die Oper Frankfurt zeigt eine klare, trotz der Gewaltexzesse nie reißerische oder geschmacklose Erzählung. Mit tollen Sängern, einem hochkonzentrierten Musizieren. Wir erleben abrupte Gefühlswechsel in der Musik, auch sanfte, sehnsuchtsvolle Klänge sind zu hören, bis hin zum Schluss, bei dem sich der Chor rund ums Publikum gruppiert, seine Harmonien singt und uns glauben lässt, dass wir alle irgendwie mit zu dieser oder einer ähnlichen Geschichte gehören. Kurzum: Eine Oper für alle, die einen packenden Opernabend lieben - und auch für Menschen, die sonntags "Tatort" gucken: Hier ist es mal live, ohne Schnitte und mit richtigen Personen auf der Bühne.

Lady Macbeth von Mzensk
Oper in vier Akten von Dmitri Schostakowitsch
Oper Frankfurt

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 4.11.2019, 7:30 Uhr

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