Jacques-Louis David: Madame Récamier auf einer Récamière, 1800

Natascha Pflaumbaum hat sich auf einen Streifzug durch ihre kleine Wohnung begeben und etwas in den Blick genommen, das völlig unterbelichtet ist, aber neuerdings einen Status erlangt, den man nicht unterschätzen sollte. Das Sofa!

Jetzt, da wir schon ein paar Wochen den von oben verordneten Geselligkeitsverzicht üben, hab’ ich ein Möbelstück wiederentdeckt, das die perfekte Kompensation zu all dem bietet: das Sofa. Das Sofa ist das Faktotum der Wohnung, es ist das Mädchen für alles in unserem Haushalt, es ist Paradies und Oase, Futterstation, Kuschelecke, Lesebastion und Laptopstation, es ist das gezimmerte Versprechen für Freude, Kommunikation, Spiel, Spaß und vieel Gefühl. Das Sofa ist Geselligkeit pur! Und genau darum die richtige Antwort auf unsere Situation gerade.

Wozu sind Sofas da?

Ob grau, ob flau, ob groß, ob klein, ob fest oder flauschig: das Sofa ist der Alleskönner unter den Möbelstücken unserer Wohnung. Eine Wohnung ohne Sofa: geht nicht. Das Sofa kann alles, es will alles und gibt alles. Es ist allein nomenklatorisch schon so liebesdienerisch, weil es sich durch zahlreiche Begriffe tatsächlich jedem anpassen will: Tagesbett, Diwan, Lounge, Polstergarnitur, Ottomane, Liege. Oder Recamière: mehr so für Leute, die keine Rückenlehne brauchen, dafür aber höllisch große Armlehnen. Oder Chaiselongue: für Menschen, die einen niedrigen Einstieg für ihr Nickerchen benötigen, allerdings nicht genau wissen, ob sie das lieber im Sitzen oder im Liegen verrichten wollen. Eher sophisticated ist das heute nicht mehr so verbreitete "Triclinium", auf dem die Römer in der Antike sich linksseitig liegend mit der rechten Hand das Essen in den Mund schoben. Das uns aber heute tatsächlich den Beweis liefert: Die Behauptungen "Auf dem Sofa wird nicht gegessen!" und "Im Liegen schon gar  nicht" sind völlig falsch. Das Sofa ist zum Essen da. Es wurde genau dafür erfunden.

Liegen, lümmeln, labern

Berühmte Menschen lagen oder saßen auf dem Sofa: Goethe, Loriot, die Gattinnen der Maler Manet und Monet ließen sich extensiv auf Sofas nieder und malten. Das sieht wirklich immer sehr gut aus: elegant, lasziv, verträumt, erotisch. Aber keine war so sexy wie die Frau von Herrn Recamier, eine gewisse Juliette Recamier. Sie war so hübsch, dass das Sofa, auf dem der Maler Jacques-Louis David sie portraitierte, am Ende nach ihr benannt wurde: die Recamiére!

Auf dem Sofa ist die Welt nur halb so schlimm. Hier dürfen wir krümeln, aber nicht kleckern, das Sofa überredet selbst DIE zur Gemütlichkeit, die sich Bequemlichkeit aus intellektuellen Haltungsgründen nie erlauben würden, also die, die für ein ein- oder zweisames Sitzen immer noch einen echten Grund benötigen (LESEN!). Doch am Ende korrumpiert das Sofa alle. Warum? Weil es der einzige schillernde Ort unserer Wohnung ist. Der Ort der Verheißung! Es ist mal so, mal so.

Und das liegt an Freud. Weil Sigmund Freud seine Patienten aufs Sofa legte, hat er uns zwar das genussvolle Versprechen des Sofas ein kleines bisschen vermasselt. Sofa als Therapieort! Pah! Aber er hat uns auch was geschenkt: Freud erklärte das Sofa zum Ort unserer Träume, unserer Phantasien, unserer Wünsche, Leidenschaften und Projektionen! Die besten Zeiten haben wir auf diesem Möbelstück. Es lebe das Sofa!

Das Bild von Jacques-Louis David zeigt Madame Récamier auf einer Récamière, 1800.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 20.4.2020, 16:45 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit