Toilette mit überdimensionierter Klorolle

Nachdem unsere Autorin Natascha Pflaumbaum in Corona-Zeiten bereits die Küche und das Sofa ihrer Wohnung neu entdeckt hat, fiel ihr auf, welche Konsequenzen es hat, wenn man Arbeit und Leben auf Dauer miteinander verquickt. Sie hat einen weiteren Ort in ihrem Zuhause ausfindig gemacht, der unbedingt aufgewertet oder ja, neu betrachtet werden muss.

Ich brauche dringend eine neue Wohnung! In meiner war ich nämlich schon ÜBERALL. Und ich habe den Eindruck, die anderen waren es auch schon, sogar mehr als mir lieb ist. Also, nicht persönlich, sondern mehr so zu Besuch - durch das ganze Homeoffice, Homeschooling, Hometheatre, Homeopera, Homemuseum, Homeconcert. Die ganze Welt kommt gerade zu mir nach Hause. Home Home Home! Das ist definitiv zu viel Draußen im Drinnen. Wo bleibt denn da noch das Private? Ich finde, ich muss dringend Grenzen ziehen.

Lasst mich allein!

Wie rette ich mein Privates und mich? Wo kann ich denn noch mal ein Sekündchen nur für mich alleine sein, ohne dass gleich irgendein "Homie" anklingelt? Die Antwort gibt das Völkerrecht, Stichwort "Niemandsland". Das Niemandsland, so steht es da, ist das Land, das niemandem gehört, das von niemandem besiedelt oder bewirtschaftet wird. Es ist (ja, klingt poetisch, ist aber völkerrechtlich so) die Hohe See, gleichwohl wie der Weltraum. Und genau das brauche ich jetzt zuhause: Weltraum und Hohe See!

Wo ist die Grenze?

Ich ziehe also innerhäusisch eine Demarkation und errichte mein Niemandsland in der eigenen Wohnung. Also, genauer gesagt: im Klo. Das Klo, die Toilette, ist unser Niemandsland. Auf dem Klo sind nämlich alle gleich: Hier lösen sich alle familiären und gesellschaftlichen Zwänge für ein Momentchen auf, denn auf dem Klo sind wir allein. Aufs Klo folgt Dir keiner. Das Klo ist das "Stille Örtchen", wer wirklich Ruhe sucht, findet sie hier. Das Klo ist der einzige noch übrig gebliebene rechtsfreie Raum in unserem Zuhause. Hier können wir rauchen, heimlich telefonieren, Kontostände prüfen, meditieren und unsere Speckröllchen begutachten. OHNE dass das irgendjemand merkt. Das Klo ist die Inkarnation des Privaten: Wer hier Homeoffice macht, ist echt selber schuld.

 Hochkultur im Sitzen

Das Klo eignet sich deshalb als innerhäusisches Niemandsland so perfekt, weil es das Symbol für Zivilisation ist. Mit dem Klo beginnt zivilisatorisch ein neues Zeitalter. Und auf dem Klo sowieso. Jahrhunderte war in deutschen Städten die Kacke im wahrsten Sinne des Wortes am Dampfen, dabei musste man nur mal nach Athen auf die Akropolis rüberschauen, und man hätte die tollste Kanalisation bewundern können.

Damals hatte man sich übrigens noch gemeinschaftlich auf Prachtlatrinen entledigt, wenn man nicht gerade dem Plebs angehörte. Ohne Schei...: die antiken Hochkulturen waren in Klo-Sachen tatsächlich schon viel viel weiter als zum Beispiel die Briten im 19. Jahrhundert. Die mussten 1858 wirklich einmal eine Parlamentssitzung abbrechen, weil die Themse vor lauter Kloake so in das Abgeordnetenhaus hochstank, dass den Politikern die Luft wegblieb. "The Great Stink" ist kein Titel für einen fiesen Agententhriller, nein, es ist der Name dieses britischen Stinkesommers.

So klein und so wichtig

Das Klo ist ein später Segen in unseren Breitengraden und wird gerade jetzt komplett unterschätzt. Es der Ort der Hygiene, ja! Und es ist der Ort für Philosophen, für Sinnsucher, für Poeten, ja! Es ist das Niemandsland unserer Wohnung, das Land, in dem Raum und Zeit verschmelzen zu einem Augenblick, den wir für uns haben, den wir nicht teilen müssen, in dem wir eins sind nur mit uns selbst. Es lebe das Klo!

 Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 27.4.2020, 7:45 Uhr

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