Schüttenschrank aus der Frankfurter Küche

In der Küche feiern wir Partys, in der Küche kochen wir unser Essen und mitunter kochen in der Küche auch die Gemüter hoch: Wir streiten in der Küche, hier leben wir und lieben wir. Im Moment mehr denn je.

Ich war mal in einer Küche, da konnte man sich einen Kaffee ziehen, an einem großen Automaten, der in die Wand eingelassen war, und der so tat, als hätte da irgend jemand Unsichtbares in der Wand, also so eine Art "ES", diesen Kaffee für mich zubereitet. Das fand ich für einen kurzen Moment großartig. Denn ich fühlte mich wie ein Kunde, und dieser Kaffee wurde zum Event. Ich war allerdings Kundin in der Küche eines Freundes. Irgendwie auch komisch, oder?

Mit oder ohne Funktion

Kein Ort in unserer Wohnung, in unserem Haus ist und war soziologisch und kulturgeschichtlich so bedeutend wie die Küche. Ob nun diese Imponierküche mit dem überkandidelten "Convenience Food" aus der Wand oder die auf engstem Raum abgezirkelte Einbauküche, in der man mit dem Po umwirft, was man mit den Händen zubereitet hat: Die Küche ist das Machtzentrum der Familie, sie ist der Treffpunkt für Paare, ja, der Ruhepol für Einzelgänger. Seit jeher ist sie DAS bestimmende soziale Element unseres Wohnens. In der Antike trafen sich die Bewohner einer Stadt in der Gemeinschaftsküche: einer Hütte mit Lehmofen, offener Feuerstelle, Mahlsteinen. Später im Mittelalter wärmte die Küche das anliegende Wohnzimmer. Imponierküchen gab es schon im Rokoko, wo man bei Hofe tatsächlich neben der Gebrauchsküche eine komplett funktionierende Showküche einrichtete, nur um die Fayencen und das tolle Porzellan zu zeigen. Und die erste Einbauküche wurde tatsächlich in Frankfurt erfunden. Hier blickt man stolz auf die Frankfurter Küche der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Sie ist der Urtyp der modernen Einbauküche, die Ernst May in seine funktionalen Minihäuser einbaute. Mit Hängeschränken und Schiebetüren ausgestattet, garantierte "Typ 1" der Frankfurter Küche mit 1,90 mal 3,40 Meter größte Kücheneffizienz auf minimalstem Raum.

Emotionen kochen hoch

Die Küche ist das wahre emotionale Zentrum unseres Wohnens: Hier essen wir, hier streiten wir, hier sammeln und versammeln wir uns. Hier schreiben wir Einkaufszettel, Aufgabenlisten für Pubertiere oder für uns selbst, hier nehmen wir einander schnell mal in den Arm oder fragen, ob der andere vielleicht auch einen Keks will. In der Küche fechten wir die großen Themen aus. Gender-Themen verhandeln wir pragmatisch an Herd, Spülmaschine und Kühlschrank über banale Fragen, wie man den Geschirrkorb "richtig" einsortiert und wer das übergekochte Spaghetti-Wasser denn diesmal wegputzt - und wer eigentlich schon wieder den letzten Joghurt weggefressen hat?!?! In der Küche kommt eben alles raus!

 Teilen, tafeln, toben

Ob groß, ob klein, ob Thermomix oder Ceranfeld: Jetzt, da die Leute wieder zu Hause essen, erlebt die Küche ihre glorreiche soziale Renaissance. Frühstück, Mittagessen, Abendbrot: Hier kochen wir für die, mit denen wir es gut meinen, mit denen wir eines unserer Ur-Bedürfnisse teilen wollen: unseren Hunger. Und tatsächlich, wer sich nicht nur einsam Häppchen reinschiebt, der wird jetzt eine ganz neue Erfahrung machen: Unsere Gier genußvoll am Küchentresen oder am Tisch auszuhandeln, indem wir dem Liebsten die beste Portion Fleisch, Fisch, Tofu auf den Teller schieben, indem wir teilen, was wir haben. Das bringt uns ein Stück weit Freude am eignen Sein zurück. Es lebe die Küche!

Das Foto zeigt einen Schrank aus der "Frankfurter Küche", wie sie heute nur noch in sehr wenigen Wohnungen, wohl aber im Museum und bei Antiquitätenhändlern zu finden ist 

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 24.4.2020, 16:45 Uhr

 

 

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