Polit-Kunst vor dem Hallenbad Ost auf der documenta 15

Die documenta fifteen, die internationale Kunstschau in Kassel, endet am kommenden Sonntag. Sie wurde vor allem von wiederkehrenden Antisemitismus-Vorwürfen und scharfer Kritik überschattet. Aber welchen Eindruck machte die Kunst? Der Kommentar einer Frau, die viel vermisst hat.

Sie war angetreten um ein Klima des Vertrauens und des Dialogs zu schaffen. „Make friends, not art“ war das Motto. Das ist nach hinten losgegangen und zwar gründlich. Heute, kurz vor Ende der documenta, spricht niemand mehr mit keinem. Die Kuratoren sind beleidigt und wütend, die documenta-Gesellschafter wenden sich gegen die documenta-Leitung, die teilnehmenden Künstler und Kollektive fühlen sich angegriffen und diskriminiert. Jüdische Gemeinden beschuldigen die Kuratoren antisemitische und menschenverachtende Positionen plakativ zu unterstützen. Zum wiederholten Mal stand die Forderung im Raum, die documenta vorzeitig zu beenden.

Seit am Eröffnungswochenende Ende Juni Bilder aufgetaucht waren, die antisemitische Stereotypen zeigten, konnte man kaum noch über Kunst reden. Der Diskurs der den Sommer beherrschte, drehte sich um die Polarität von Kunstfreiheit und Zensur, die Frage, welches Bild nun antisemitisch sein, so ganz, im strafrechtlichen Sinne, oder doch nur ein bisschen oder ob es eigentlich Kritik an Israel sei. 

Dabei wurde auf der documenta fifteen ein Kunstbegriff vorgestellt, der es in sich hatte. Denn die Definition, Kunst sei, was Menschen gemeinsam tun, war nicht nur neu, sondern radikal. Ruangrupa versteht den westlichen Kunstmarkt als sinnleeres, kapitalistisches Spektakel. Sie wollten die documenta verwandeln. In eine große Plattform des politischen Aktivismus. Fruchtbar und nachhaltig. Das Schneeballprinzip des Kuratierens brachte dabei manche Überraschung hervor.

Die Low-Budget Filme aus Uganda stellten neue und kreative Formen des Filme-machens vor. Vor dem Fridericianum eröffnete eine mobile Botschaft der Aborigines und berichtete über ihren Kampf für Land und politische Mitbestimmung.  In der Documentahalle begegnete man dem erstickenden Klima der Zensur in Kuba und erfuhr von den Künstlern die vom Castro-Regime zum Schweigen gebracht wurden. 

Die gemeinschaftlichen Gemüsegärten kämpften tapfer gegen die Trockenheit und die Kinder konnten sich in der Kinderkrippe austoben. Jeder durfte mitmachen und sich willkommen fühlen. Und alle waren sensibel gegenüber allen. Jede Religion, Hautfarbe, sexuelle Orientierung und politische Splittergruppe sollte und konnte Teil dieser documenta sein. Überall lagen Menschen am Boden herum und praktizierten das gemeinsame lumbung, das “abhängen“. Aber Agitprop, Musiksessions, Sit-ins und Diskursgruppen sind weder revolutionär noch neu.

Mir war das zu viel guter Wille und zu viel Solidaritätsbekundungen. Jeder künstlerische Beitrag setzte sich auf unübersehbare Weise fort in Initiativen, Gesprächen, Beziehungsnetzwerken und Systemen. Es ging um Asylanträge und kostenlose Care-Arbeit, um Heteronormativität und Neurodiversität, um paternalistischer Arbeitsorganisationen, landwirtschaftlich geprägte Ökonomien, metaphorische Repräsentation von territorialer Macht usw. Doch die Behauptungen der verschiedenen Kollektive blieb oft bruchstückhaft und unvermittelt. Man fühlte sich an soziologische Seminare auf einem Uni-Campus erinnert. Vielleicht bin ich zu kulturkonservativ, aber mir fehlte die Kunst auf dieser Weltkunstausstellung.

Eine glanzvolle Ausnahme: die prachtvollen Quilt-Teppiche der polnischen Roma-Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas. Sie arbeitet mit gespendeten Stoffen und Secondhand-Kleidung und schafft Wandbilder von märchenhafter Schönheit, die die unerzählte Geschichte ihres Volkes vor Augen führen. Leider ist sie unter der großen Fülle an Archivmaterialien und Dokumentarfilmen bisschen untergegangen.

Das große Risiko der documenta fifteen war es, politische Botschaften zur Kunst zu erklären. Das hat am Ende auf die Kuratoren zurückgeschlagen. Auf eine politische Analyse antisemitischer Filme haben sie trotzig, wütend und aggressiv reagiert. Ruangrupa hat die documenta auf eine neue Ebene gehoben. Leider bleibt der schale Geschmack, dass die große Ausstellung als Bühne missbraucht wurde. Wie kann es von hier aus weitergehen?

Um die Kunst wieder auf die Füße zu stellen und der documenta nach dem Skandalsommer 2022 einen Weg in die Zukunft zu weisen muss man es wagen, Ästhetik als poetische Kraft zu begreifen und auf einer documenta 16 wieder mehr Kunst zu zeigen!

Sendung: hr2-kultur, 23.9.22, 7:15 Uhr