Nele Pollatschek

In der Quarantäne haben wir viel gelernt. Manche haben gelernt, wie man Brot backt, manche wie man strickt, manche, dass Japanisch doch relativ kompliziert ist. Ich habe gelernt, dass mir Soziale Distanzierung nicht bekommt.

Angefreundete Vereinzelung

Gut, das habe ich schon immer vermutet, aber wie sagen die Virologen so schön: "Testen, testen, testen“ - und jetzt bin ich mir endlich signifikant sicher. Ich hatte ja irgendwie gehofft, dass mit dem Lockern des Lockdowns auch die Distanzierung endet, weil die Pandemie-Fee den Impfstoff zaubert oder irgendjemand endlich mal "April, April!" ruft. Aber da passiert nichts. Die Pandemie-Fee kriegt im Home-Office wohl auch nur Weißbrot gebacken. Wir bleiben vereinzelt, lediglich die Distanz wird uns noch eine ganze Zeit lang begleiten. Für die nächste Phase der Pandemie sollten wir uns besser mit ihr anfreunden.

Abschreckende Anziehung

Dabei hilft mir gerade die Dichterin Monika Rinck mit dem Lesebuch "Champagner für die Pferde" und vor allem mit ihrem wahnsinnig treffend betitelten Gedichtband "Verzückte Distanzen". Wenn man Rezensionen zu Rincks Werken liest, die übrigens immer verschwörerisch positiv sind, dann ist die häufigste Beschreibung "assoziativ", ein Wort, das für mich eher abschreckend wirkt, denn es deutet an, dass man die Hälfte nicht versteht und ich verstehe leider wirklich gerne.

(Un)Verständliche Nähedistanz

Aber "assoziativ" bedeutet natürlich in Wahrheit, dass zwei sich nicht offensichtlich nahestehende Dinge – Champagner und Pferde, Verzückung und Distanz - miteinander verbunden werden, dass dabei etwas Neues entsteht, ohne dass der anfängliche Abstand aufgelöst wird. So ist Rincks Dichtung: Sie verbindet das Unverständliche mit dem allzu Verständlichen, Leichtigkeit mit Schwere, Intellektualität mit Albernheit, Zahlen mit ihren natürlichen Nistplätzen, Theologie mit Ponys, Deutsche Lyrik mit Anglizismen, kalte Einsamkeit mit kaltem Huhn. Immer wieder geht es dabei um Nähe und Distanz, um Gruppeneuphorie und Menschenüberdruss, um Verlangen und Verlängerung.

Alchemistische Erkenntnis

Vieles von dem was Rinck schreibt, verstehe ich nicht und in den meisten Fällen stört mich das erschreckend wenig, weil es mich trotzdem berührt oder zumindest sehr gut unterhält und manchmal passiert beim Lesen ein alchemistischer Prozess und aus zwei unverständlichen Elementen wird Erkenntnis. Aber da ich nun mal dieses Lyrik-Handicap des Immer-alles verstehen-wollens habe, mag ich Rinck vielleicht doch am liebsten in den Momenten, in denen sie mir fast prosaisch eine Definition für etwas liefert, das ich genau kenne, aber noch nie ausdrücken konnte.

In einem meiner Lieblingsgedichte definiert sie

gefühle an fenstern

supplementäre sehnsucht findet dann statt
wenn sehnsucht dasjenige hinzufügt
was auch der erfüllung, so es sie gäbe, fehlte

So stehe ich also mit Rinck am Fenster und rede mir ein, dass die Nähe in Wirklichkeit auch nie so schön war, wie das was wir im Verlangen nach Nähe noch so ergänzen und schwelge in supplementärer sehnsucht und der Hoffnung, sehr bald von der Erfüllung meiner Nähephantasien gehörig enttäuscht zu werden.

Von Monika Rinck sind u.a. erschienen:

Verzückte Distanzen
Gedichte
Zu Klampen

Champagner für die Pferde
Ein Lesebuch
S. Fischer

Wirksame Fiktionen
Lichtenberg-Poetikvorlesung
Wallstein

Auf ihrer Website begriffsstudio.de finden Sie weitere Texte

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 6.5.2020, 8:30 Uhr

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