Nele Pollatschek und Bonjour Tristesse

Es fällt mir momentan nicht ganz leicht zu lesen. Es fällt momentan auch nicht ganz leicht zu leben, aber das ist ein anderes Problem. Mein Problem mit dem Lesen ist, dass ich wahnsinnig viel Zeit für Literatur habe, jetzt wo ich mich nicht mehr zwischen Restaurants, Kinos, Freunden, Bars und Büchern entscheiden muss, sondern nur noch zwischen Couch und Bett.

Und gleichzeitig will sich mein Kopf irgendwie nicht richtig einlassen, als wäre so eine Pandemie dringlicher als Literatur. Wenn ich jetzt etwas lesen kann, dann muss es kurz sein, kurzweilig, überraschend und vor allem melancholisch. Nichts fühlt sich gerade so falsch an wie gute Laune.

Aufgewacht, traurig, richtig

Wenn es Ihnen ähnlich geht, dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt für Francoise Sagans "Bonjour Tristesse". Das Beste an "Bonjour Tristesse" ist natürlich der Titel, was allerdings nichts über das Buch sagt, denn kein Buch der Welt kann so gut sein, wie dieser Titel, der mir zur Zeit schon beim Aufwachen auf den Lippen liegt und alle Pandemie-Panik in kettenrauchende, rotweinschlürfende, ungemein französische Melancholie verwandelt.

Jung, naiv, frei

Auch wenn "Bonjour Tristesse" aber nicht, wie könnte es auch, mit seinem Title mithalten kann, ist es ein schockierend gutes Buch. Gut, weil es sprachlich präzise, leichtfüßig und literarisch ist. Schockierend, weil es von einer 18-Jährigen in den 1950ern Jahren geschrieben wurde und trotzdem völlig frei ist von 50er-Jahre-Moral oder jugendlicher Naivität.

Es geht in "Bonjour Tristesse" um die siebzehnjährige Cecile, eine Klosterschülerin die so gar nicht klosterschülerinnenhaft ist; ihren Vater, einen alternden Frauenheld und deren Liebschaften. Es geht um Selbstbestimmung. Um das freie, wilde Leben. Um eine junge Frau, die den Sex mit einem Mann liebt, ohne den dazugehörigen Mann zu lieben.

Wild, distanziert, traurig

Und gleichzeitig geht es um etwas anderes, um eine Distanz zum Leben, um die Schattenseiten der Ungebundenheit, um Liebschaften die eben niemals wirklich Liebe werden können, weil den Liebenden dafür die Hingabe fehlt. Es geht um Schuld, die nicht aus Bösartigkeit sondern aus Leichtsinnigkeit entsteht. Es geht um ein Lebensgefühl, um eine existentielle Traurigkeit, es geht um Tristesse.

Französisch, einsam, schön

Das sind natürlich alles keine leichten Themen und "Bonjour Tristesse" ist sicherlich kein Wohlfühlbuch. Und trotzdem schenkt "Bonjour Tristesse" gerade genau die richtige Art von Traurigkeit, denn es entführt uns in ein Frankreich, in dem das Leben zwar existenziell, tragisch und kettenrauchend war, aber eben noch nicht pandemisch. Es erinnert an die schöne Zeit, in der wir auch ohne Kontaktverbot schon einsam waren.

Françoise Sagan
Bonjour Tristesse
Neu übersetzt von Rainer Moritz
Ullstein, Berlin 2017
170 Seiten, 18 Euro

Von Nele Pollatschek gibt es während der Corona-Krise täglich "Ein Quarantänchen Trost"

 Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 1.4.2020. 8:30 Uhr

 

 

 

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