Nele Pollatschek Borges

Ich sitze in einer Bar und bestelle eine Weißweinschorle. Ich könnte die Schorle bekommen. Oder ich bekomme ein falsches Getränk. Wenn ich meine Schorle bekomme, kann ich danach noch eine trinken oder ich gehe nach Hause. Ich könnte zahlen oder die Zeche prellen, was ich natürlich nie tun würde - aber ich könnte.

Möglichkeiten

Wenn ich ein falsches Getränk bekomme, könnte ich das trinken oder mich beschweren. Der Kellner könnte sich entschuldigen oder er könnte diskutieren. Ich könnte still bleiben oder eine Szene machen oder ich könnte laut anfangen die Marseillaise zu singen. Ich weiß nicht, warum ich das tun sollte, aber ich könnte. Der Möglichkeiten sind viele und an jeder Möglichkeit hängen weitere Möglichkeiten und wieder Möglichkeiten. Schon nach wenigen Zügen ist das Gedankenexperiment so komplex, dass ich mich auch ohne Weißwein betrunken fühle.

Ver(w)irrungen

Der Großmeister dieser intellektuellen Trunkenheit ist Jorge Luis Borges. Mein Lieblings-Borges ist "Der Garten der Pfade, die sich verzweigen" aus der Sammlung "Fiktionen". Es geht in der Geschichte um den Chinesen Yu Tsun, der im Ersten Weltkrieg in England für die Deutschen spioniert. Tsun hat gerade begriffen, dass die Engländer ihm auf den Fersen sind und will seinen deutschen Befehlshabern den Namen eines Kriegsziels übermitteln, das er entdeckt hat. Um das zu tun, fährt er zum China-Forscher Dr. Stephen Albert. Albert hat sein Leben damit verbracht, einen berühmten Vorfahren von Tsun zu erforschen. Dieser Vorfahre hat vor seinem Tod behauptet, zwei große Dinge vollbracht zu haben: Er hat ein unendlich komplexes Labyrinth gebaut. Und er hat einen Roman geschrieben. Den Roman findet Tsun schlecht. Es ist ein wirres, verworrenes Sammelsurium. In einem Kapitel stirbt der Held. Im nächsten lebt er wieder.

Verzweigungen

Nach dem Labyrinth wiederum sucht Tsun schon lange, aber niemand weiß, wo es ist. Niemand bis auf Dr. Stephen Albert, der von sich selbst behauptet, das Labyrinth entdeckt zu haben. Denn jetzt kommt‘s: Der Roman selbst ist das Labyrinth. Aber eben nicht ein Labyrinth im Raum, sondern ein Labyrinth in der Zeit. Anstatt den Helden einen einzigen Weg entlangschreiten zu lassen, zeichnet der Roman jede einzelne Möglichkeit ab und dann jede sich daraus ergebende Möglichkeit und jede weitere Möglichkeit. Der Roman ist ein Garten der Pfade, die sich verzweigen. Endlose Verzweigungen. Endlose Möglichkeiten.

Fiktionen

Diesen Roman, der alle Möglichkeiten abbildet, gibt es nicht. Es kann ihn auch nicht geben, er wäre schon nach zwei oder drei Wiederholungen zu komplex. Was Borges aber geschaffen hat, ist die theoretische Möglichkeit dieses Romans. Das Gedankenexperiment. Damit hat er nicht nur die Literatur und die Philosophie geprägt, sondern sogar die Quantenphysik, die dieses Gedankenexperiment als Viele-Welten-Interpretation übernommen hat. Die Geschichte selbst hat übrigens nicht mal 20 Seiten und trotzdem deutet sie auf eine merkwürdige Art alle Möglichkeiten an, zeigt die Grenzen der Fiktion und bringt uns an den Rand des Denkens wie es sonst nur ein Vollrausch kann. Aus diesem Grund: Lesen Sie Borges. Oder lassen sie es sein. Die Möglichkeiten sind endlos.

Jorge Luis Borges
Fiktionen
- als Taschenbuch bei S.Fischer
- in den Gesammelten Werken bei Hanser: Band 5, Erzählungen

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 4.12.2019, 8:30 Uhr

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