Der Leopard: Burt Lancaster als Don Fabrizio Corbera, Fürst von Salina

Ich weiß ja nicht wie es ihnen gerade geht, aber mir geht's nicht gut. Das Wetter ist mies. Ich bin seit vier Wochen krank. Und dann die Nachrichten. Corona. Alles was Spaß macht wird zurecht abgesagt. Ich fahre also nicht nach Leipzig zur Buchmesse. Ich gebe keine Lesungen. Ich sitze am Fenster und schaue ins Leere.

Trost naht in Buchform

Und dazwischen lese ich Nachrichten und rege mich auf über alles, über Menschen. Und hab ziemlich Angst vor dem Leben, also vor dem Sterben, also vor dem Leben. In solchen Situationen hilft mir lesen. Meistens was Tröstendes, das ablenkt. Aber gerade nervt auch das. Gerade brauch' ich was, um mich mit diesem ganzen Leben-Sterben-Menschen-Ding weniger allein zu fühlen. Und genau da kam letzte Woche, ziemlich zufällig, ein wirklich hervorragendes Buch in mein Leben: Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Der Leopard".

Italien, ein Fürst und der Tod

Das Buch spielt in Sizilien um 1860 – also zu der Zeit, als Garibaldi Italien vereinte und die Italienische Gesellschaft umwälzte. Es geht um die Erstarkung des Bürgertums und damit verbunden um den Untergang des Fürstenhauese Salina. Es geht um den alten, stolzen Fürsten Salina – den Leoparden –, um aufstrebende Neureiche, die ihm das Leben schwer machen und es geht, wie könnte es anders sein, um den Tod.

Neffe, Liebe, Hoffnung

Das Buch erzählt diese Untergangs-Geschichte in ausgedehnten Episoden. Es erzählt von Glanz, Festessen und überbordendem Mobiliar. Und es erzählt von neuer Liebe und Hoffnung – ist sich aber immer der Endlichkeit bewusst. Alles was aufstrebt, muss fallen.

Wenn der schöne Tancredi, der geliebte Neffe des Fürsten, sich verliebt, dann ist von vorneherein klar, dass diese frische Verliebtheit, die glücklichste Zeit seines Lebens, nur das knisternde Vorspiel zu einer Ehe ist, die den Verliebten "auch erotisch nie recht gelingen sollte". Tancredi, der Verliebte, der Revolutionär, ist sich seiner Vergänglichkeit nicht bewusst. Für den jungen Mann ist der Untergang, der Tod, ein Problem der anderen.

Kühe, der Stolz, die Ewigkeit

Nur der Fürst weiß immer, dass er sterben muss. Er genießt den "schwachen Lichtstrahl" der ihm zwischen den beiden Finsternissen der Wiege und der Bahre vergönnt ist. Und daraus ergibt sich ein Stolz, aber auch eine besondere Milde. "Wie konnte man gegen jemanden wüten", fragt sich der Fürst einmal, "der doch mit Sicherheit sterben muss?"

Die Menschen, die Sterblichen zu hassen, ist so falsch, wie zum Tode Verurteilte zu bespucken. Für den Fürsten sind zankende Menschen rührend, wie Kühe, die sich auf dem Weg ins Schlachthaus anblöken. Den Menschen, beschließt der Fürst, muss man vergeben: Hassen darf man nur die Ewigkeit.

Danke für die Versöhnung!

"Der Leopard" hilft nicht gegen Krankheit oder gegen Wetter oder gegen Nachrichten oder gegen den Tod. Aber er versöhnt ein bisschen mit dem Unausweichlichen und mit den Menschen. Wenn Sie also in den nächsten Tagen auch Zuhause rumsitzen und ins Leere schauen, lesen Sie dieses Buch. Und wenn alles nicht mehr geht, hassen Sie die Ewigkeit.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Leopard
Neuübersetzung aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
Piper Verlag
399 Seiten
24 Euro

Das Bild zeigt den "Leoparden" im Film von Luchino Visconti (1963): Burt Lancaster als Don Fabrizio Corbera, Fürst von Salina

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 18.3.2020, 8:30 Uhr

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