Ngugi wa Thiong o

Ganz oben auf der Liste der nicht-europäischen Autoren, die den Literaturnobelpreis hätten bekommen sollen, steht der kenianische Autor Ngũgĩ wa Thiong’o. Und das schon seit vielen Dekaden. Solange ich mich erinnern kann, heißt es Jahr für Jahr: Jetzt ist Thiong’o dran – und dann bekommt den Preis ein Europäer.

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Literaturnobelpreise sind nicht ganz einfach. Kaum verkündet man als Nobelpreiskomitee, man wolle mehr nicht-europäische Autoren auszeichnen, erwartet die Welt von einem, dass man auch tatsächlich mehr nicht-europäische Autoren auszeichnet. Und wenn man dann gleich zwei Preise auf einmal an Europäer vergibt, kommen Beschwerden. Und alles nur, weil Menschen denken, dass irgendwas nicht stimmen kann, wenn es mehr schwedische Literaturnobelpreisträger gibt als Nobelpreisträger aus Asien. Oder aus Afrika. Oder aus Asien und Afrika zusammen. Ich habe großes Mitleid mit dem Nobelpreiskomitee. Und will auch meinen Beitrag zur Versöhnung leisten.

Kein Europäer, nirgends

Mein Lieblings-Thiong’o ist das 1965 erschienene "Der Fluss dazwischen". Denn es tut etwas, dass nur ganz wenige Bücher tun: Es interessiert sich nicht für mich. Es ist nicht für mich geschrieben. Es spricht nicht mit mir, nicht mit weißen Europäern. Es hat keinerlei Interesse daran, mir eine Identifikationsfläche zu geben, oder sonst irgendwas worin ich mich spiegeln kann.

Das Buch spielt im kenianischen Hochland. Es geht um den Konflikt zweier Dörfer, das eine ist christlich und kooperiert mit den Kolonialisten, das andere bleibt den Traditionen und der eigenen Religion treu und möchte mit dem Christentum der Weißen nichts zu tun haben.

Kenianische Literatur über Kenianer

Wer öfters postkoloniale Literatur liest, der kennt diesen religiösen Konflikt. Was bei "Der Fluss dazwischen" aber anders ist, ist, dass es dieses koloniale Problem verhandelt, ohne dabei Europäer in den Vordergrund zu rücken. Thiong’o lässt an keiner Stelle einen Europäer zu Wort kommen – es gibt in diesem Buch überhaupt keine Europäer. Ob man jetzt bei den eigenen Göttern bleiben sollte, oder doch das Christentum annehmen sollte, das verhandeln hier Kenianer mit Kenianern. Ob man die Beschneidung von Frauen fortführen oder abschaffen sollte, auch das bleibt ein Problem für dessen Klärung Europäer nicht benötigt werden. Anstelle dessen sind es eben kenianische Figuren, die miteinander diskutieren, miteinander kämpfen, sich ineinander verlieben, die ihren Weg finden, in einer Welt, die zwar von Europäern verändert, aber eben nicht bestimmt wird.

Für die afrikanische Literatur hat Thiong‘o ein Buch geschaffen, dass (ausnahmsweise) immer nur die eigene Perspektive einnimmt. Für Europäer wie mich, liefert er damit ungewollt etwas, dass mindestens genauso wertvoll ist: Die Erfahrung, einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern an den äußersten Rand der Geschichte verdrängt zu werden. Eine Erfahrung, von der viele profitieren könnten, nicht zuletzt, so scheint es, das Nobelpreiskomitee.

Ngũgĩ wa Thiong’o
The River Between, (Roman), 1965

Aus dem Englischen von Karl Heinrich.
Verlag Neues Leben, Berlin, 1970

Aus dem Englischen von Anita Jörges.
Weismann Verlag, München 1984

Als Taschenbuch 2014 beim Unionsverlag erschienen

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 6.11.2019, 8:30 Uhr

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