Nele Pollatschek kniet nieder

Es ist vielleicht nicht ganz überraschend, aber in meiner Freizeit lese ich gerne Literaturkanons. Ich denke dann darüber nach, was andere Menschen, gerade Journalisten, Schriftsteller und Professoren, für Weltliteratur halten. Und immer wieder auch: Welche Art von Autor wird denn für kanonwürdig befunden?

It's a men's world

Wenn ich auf englische Kanon-Listen schaue, dann finde ich in den Top-Ten neben Dickens und Shakespeare auch Virginia Woolf, George Eliot, die eigentlich Mary Ann Evans heißt, und mindestens zwei der drei Brontë-Schwestern. In Deutschland ist das anders: Hierzulande sieht ein Kanon gerne mal so aus: 99 Männer – und Anna Seghers. In Deutschland lässt sich die Geschichte der Literatur eigentlich auch ganz ohne Frauen schreiben.

Die erste

Hier irrt der deutsche Literaturbetrieb! Denn die Geschichte der Literatur beginnt, wie so vieles, mit einer Frau. Enheduanna, heißt sie. Enheduanna lebte und schrieb vor über 4.000 Jahren in der Sumerischen Stadt Ur. Sie ist der erste namentlich bekannte Schriftsteller der Weltgeschichte. Also, nicht der erste anonyme Schreiber, der im Auftrag eines Pharaohs Steintafeln malträtierte. Sondern der erste Mensch, der einen Text verfasste und dabei der Welt mitteilen musste: Leute! Diesen wirklich guten und wichtigen Text, den habe ich geschrieben!

Hymnen als Politik

Je mehr ich über und von Enheduanna lese, desto mehr scheint sie mir wie eine Fantasie – auch wenn es genügend Steintafeln gibt, die ihre Existenz bestätigen. Sie ist einfach zu cool um wahr zu sein.  Enheduanna war die erste Frau, die in Ur als Hohepriester eingesetzt war und zwar von ihrem Vater, König Sargon. In dieser Rolle schrieb sie Tempelhymnen – im Prinzip für jeden wichtigen Tempel im Reich eine Hymne. Das Anliegen dieser Hymnen war es, eine einzige Staatsreligion zu schaffen. Will heißen: Enheduanna war in erster Linie Theologin mit einem klaren politischen Ziel. Jedes Gedicht, jede Hymne, sollte die zersplitterten, vielgöttrigen Völker unter einer einzigen Religion vereinen. Und zwar unter einer Religion, deren Leitung bei ihrer Familie lag. So weit, so establishment.

Es ist Liebe

Und gleichzeitig liest sich Enheduanna subversiv. Ihre offizielle Rolle ist es dem männlichen Mondgott zu dienen. Macht sie aber nicht. Die meisten ihrer Hymnen und Gedichte huldigen der weiblichen Göttin Inanna. Göttin der Liebe, der Schönheit, des Sex und des Krieges. Zerstörerin der Rebellen-Länder, Verschlingerin der Toten und allgemeine Bad Bitch. Durch ihre Dichtung etabliert Enheduanna die Göttin Inanna als wichtigste Gottheit. Und sie schafft die literarischen Formen der Anbetung, das persönliche Liebende, das Leidende der Verehrung, die Unterwerfung vor der Gottheit. Formen die über Jahrtausende wiedergegeben wurden und im alten Testament nachhallen. Enheduanna hat ein Reich gefestigt, sie hat eine Göttin erhoben, sie hat die Literatur begründet – politisch, religiös, lyrisch, persönlich.

Am Ende ihrer Tempelhymnen schreibt Enheduanna ohne falsche Scham: Mein König, ich habe etwas geschaffen, das noch keiner zuvor geschaffen hat. Und bei Inanna, das hat sie!

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 18.12.2019, 8:30 Uhr

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