Pollatscheks Kanon "Tristram Shandy"

Stellen Sie sich vor, Sie hätten den Schlüssel zu einem Raum, der um 1760 eingerichtet wurde und dann für die nächsten 260 Jahre fest verschlossen war. Auch wenn Sie sich mit der Inneneinrichtung des ausgehenden 18. Jahrhunderts nicht auskennen, wissen Sie ungefähr, was Sie erwartet: feinziselierte Holzmöbel mit geschwungenen Beinen und Chintz-Bezügen, Stuck, Gold und jede Menge Staub.

Sie stecken den Schlüssel ins Schloss, und noch bevor die Tür ganz offen ist, hören Sie das nervige Klingen eines Flipperautomaten. Das sanfte Stöhnen eines Pornos. Sie sehen eine grelle Lichtshow. Ein an ADHS leidender mechanischer Affe rennt hektisch durch die Gegend. Und nirgendwo liegt auch nur ein einziges Staubkorn.

Postmodernes 18. Jahrhundert

Klingt unwahrscheinlich, ist aber ziemlich genau wie ich mich fühle, wenn ich Laurence Sternes "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman" lese. Das Buch erschien zwischen 1759 und 1767. Und egal wie oft ich das überprüfe – und ich habe das wirklich oft überprüft – ganz glauben kann ich es nicht. Denn nichts an diesem Buch passt zu meiner Vorstellung des 18. Jahrhunderts. Und wirklich Vieles passt in diese vulgäre, nicht-lineare, überreflektierte und alberne Zeit, die wir verlegen die "Postmoderne" nennen.

Es geht in "Tristram Shandy", aber schon hier muss man sich unterbrechen, denn es geht definitiv nicht um das, um das es vorgibt zu gehen. Es geht sehr viel um, na ja, um Unterbrechungen, um die Schwierigkeit, eine Geschichte zu erzählen, um Umwege, Zufälle, Konjunktionen, Satzzeichen, militärische Belagerungstaktik und Sexualpraktiken.

Die Bedingungen der Möglichkeit der eigenen Zeugung

Worum das Buch vorgibt zu gehen ist das Leben und die Ansichten jenes Tristram Shandy. Eine Autobiografie soll es sein und zwar eine gründliche. So gründlich, dass der Held erst im vierten Buch geboren wird, zuvor müssen erst mal die sexuellen Vorlieben seiner Eltern erläutert werden und wie eine nicht aufgezogene Uhr beinahe seine Empfängnis verhindert hätte.

Mit verschwenderischem Detailreichtum geht es – immer noch vor Shandys Geburt – um Onkel Toby, ein Veteran des Krieges gegen Ludwig XIV. und seine ausladenden Burginstallationen und Militärsimulationen. Dazwischen finden wir alle Tricks und Kniffe der postmodernen Literatur: Meta-Ebenen, Zitate von Zitaten, schmutzige Witze, graphische Elemente, Linien kringeln sich übers Papier, um den Fortschritt und Stillstand der Erzählung darzustellen. Als eine Figur stirbt, ist eine ganze Seite schwarz wie der Tod.

Fehlt nur noch eine Biografie von Tristram Shandy

Wie Tristram Shandy lebte und was seine Ansichten waren, weiß man nach den über 700 Seiten immer noch nicht. Aber wenn man es tatsächlich durch Shandys Umwege, Ausflüchte und Ablenkungen geschafft hat, ist das ehrlich gesagt das geringste Problem. Denn dann fragt man sich, wie es eigentlich jemals irgendjemand geschafft hat, eine Geschichte zu erzählen, oder ein Kind zu zeugen, oder warum der mechanische Affe aufs Louis-quatorze-Sofa pinkelt.  

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 20.5.2020, 8:30 Uhr

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