Pollatscheks Kanon: Wuthering Heights

Letztens saß ich mit meinem Freund auf der Couch. Das Wetter war mies, aber die Heizung noch nicht an und es war kalt. Wir hatten uns gerade mit Tee und Büchern so richtig in unsere Decken gemummelt, da passierte etwas Schreckliches: Es klingelte an der Tür! Noch bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, sprang mein Freund auf und nahm stoisch zitternd meine Paketpost entgegen. Sowas passiert mir regelmäßg: Ich nenne es Liebe.

Wenn ihnen das zu klein, zu bürgerlich, zu prosaisch ist, dann sollten sie Emily Bronte’s Sturmhöhe lesen. Die Handlung von Sturmhöhe zusammenzufassen ist nicht ganz ungefährlich, zum einen, weil sie sehr komplex ist, zum anderen, weil man schnell klingt wie in einem Loriot-Sketch.

Ich versuch’s trotzdem: Es geht in Sturmhöhe um zwei Häuser: das heruntergekommene Wuthering Heights – eben jenes Haus auf der Sturmhöhe – und das benachbarte Herrenhaus Thrushcross Grange.

Ich wiederhole: Thrushcross Grange

Vor allem aber geht es um eine große, schicksalshafte Liebe. Diese Liebe entbrennt zwischen dem Findelkind Heathcliff und seiner Ziehschwester Catherine. Beide Figuren sind leidenschaftlich, stürmisch, aufbrausend und sehen einander als Seelenverwandte. Weil sie Geld und Ansehen will, heiratet Catherine trotzdem einen anderen, nämlich den Erben von Thrushcross Grange.

Tief verletzt rennt Heathcliff davon und kommt erst Jahre später als reicher Mann wieder. Catherine liebt ihn immer noch, will sich aber von ihrem Gatten nicht trennen. Heathcliff reicht das nicht. Er rächt sich: an Catherine's Mann, an den Einwohnern von Wuthering Heights und von Thrushcross Grange, selbst an der nächsten Generation. Irgendwann ist Catherine tot und Heathcliff alleiniger Eigentümer beider Häuser.

Liebe und Literatur

Noch ein bisschen später sind dann beide tot und ihre Leichen in einem einzigen Grab vereint, in dem sie gemeinsam den Frieden finden, der ihnen zu Lebzeiten verwehrt war. Spätestens hier fragt man sich als Leser: Ist das Liebe? Nein, das ist es natürlich nicht. Oder, es ist Liebe in ihrer destruktivsten, schrecklichsten Form. Gleichzeitig ist es aber ziemlich gute Literatur. Vielleicht auch, weil sich genau diese Art von Liebe für Literatur viel besser eignet als die Alltagsliebe die normalen Menschen das Leben versüßt.

Sturmhöhe ist – wie seine Helden – stürmisch, dunkel und leidenschaftlich. Es ist aufregend erzählt mit doppelten Böden und unglaubwürdigen Erzählern, die alle ihre eigenen versteckten Ziele verfolgen. Es ist ganz schön sexy, weil diese Mischung aus Liebe und Hass, zumindest auf dem Papier, einfach sexy ist. Genau deshalb, weil man sie im echten Leben wirklich nicht ertragen will. Sturmhöhe ist nicht realistisch. Es ist ein schauriger, feuriger Schreckensroman mit Gefühlen, die so groß sind, dass sie überhaupt nur in der Literatur oder der Psychiatrie Platz finden.

Es ist also das perfekte Buch um sich an einem stürmisch-kalten Herbstsonntag mit einer Decke und einer Tasse Tee auf der Couch einzumummeln und sich zu freuen, dass man einen Menschen hat, der auch bei schlechtestem Wetter aufspringt, wenn es an der Tür klingelt.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 9.10.2019, 8:30 Uhr

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