Nele Pollatschek: Lispector

Es gibt so Worte, die machen mich sofort aggressiv: "Überfremdung", "Lügenpresse" oder "fettarm" zum Beispiel. Mein absolutes Hasswort ist und bleibt aber "Frauenliteratur". "Frauenliteratur" ist so ein Mistwort, weil es vorgibt, nur etwas zu beschreiben, in Wirklichkeit aber ein Qualitätsurteil fällt.

Frauenliteratur, das könnte ja einfach nur Literatur, die von Frauen geschrieben wurde, sein. Und meinetwegen auch Literatur über weibliche Figuren – dann wären Theodor Fontane und Gustav Flaubert also typische Frauenliteraturautoren. Meinetwegen auch Literatur, die eher für eine weibliche Leserschaft geschrieben ist. Dann wäre alle Literatur Frauenliteratur, weil die meisten Literaturleser eben Frauen sind.

Aber Leute die von "Frauenliteratur" sprechen, meinen meistens etwas anderes: sie meinen gefühlig, sentimental, manchmal sogar pseudoliterarisch und meistens ein bisschen dümmlich. Das ist natürlich Blödsinn: Literatur von, für und über Frauen ist vieles, ist mehr, ist alles was Männerliteratur eben auch ist, fast so, als wären Frauen halt auch Menschen.

Den Männern meilenweit überlegen

Ein wirklich gutes Buch, um die "Frauenliteratur" neu zu verstehen, ist Clarice Lispectors "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau". Lispector wurde 1920 als Kind jüdisch-russischer Eltern in der Ukraine geboren, siedelte später nach Brasilien um und wurde eine der schillerndsten Literaten Lateinamerikas. In "Tagtraum und Trunkenheit" sind ihre kurzen Prosatexte gesammelt. Und diese Kurzprosa ist ziemlich genial.

In Lispectors Texten funkeln die vielen Facetten ihrer weiblichen Figuren. Diese Frauen sind obsessiv, rebellisch, sehr witzig, ängstlich, traurig, intelligent und oft den Männern, denen sie sich unterzuordnen scheinen, meilenweit überlegen. Lispectors Sprache ist lyrisch, poetisch, aber nie pseudo-poetisch, nie übertrieben.

Ohne Schnörkel und ohne Schmuck

Die schönsten Sätze schaffen es ohne Schnörkel und ohne Schmuck, Witz mit Alltagserkenntnissen zu verbinden. Wenn Lispector eine Geschichte mit dem Satz beginnt: "Sie hieß Almira und hatte stark zugenommen," dann wissen wir wer Almira ist und müssen mit und über sie lachen.

Aber neben den facettenreichen Frauen, den Sätzen, den Alltagsbeobachtungen, die gleichzeitig offensichtlich und irgendwie neu und anders wirken, ist Lispector vor allem eines: herrlich abstrakt. Aus dem Anblick eines Frühstückseis wird eine Abhandlung über das Sehen, das Erinnern, über Sprache und Begriffe über Existenz und Erkenntnis.

Am meisten liebe ich Lispector, wenn sie eben nicht mehr über Frauen oder Menschen oder Alltag spricht, sondern übers Denken und Verstehen. Denn dann ist ihre Frauenliteratur eben auch verdammt klug, fordernd, inspirierend. Frauenliteratur kann etwas sein, dass uns zum Nachdenken bringt, über große Fragen und kleine Eier.  

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 12.2.20, 8:30 Uhr

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