Mädchen spielt mit Puppenhaus

Haben Sie sich schon mal gefragt, was ein Buch herausragend macht? Also, wie es zu Weltliteratur wird? Oder warum es für große Preise nominiert wird – sagen wir den Buchpreis oder den Literaturnobelpreis? Themen und Trends scheinen dabei eine große Rolle zu spielen. Manche Bücher, so hört man, werden nur deswegen als preisverdächtig gehandelt, weil sie feministisch sind - und überhaupt Frauen... #metoo, Sie wissen schon!

Dabei ist das alles nichts Neues. Das Phänomen, dass Bücher Weltliteratur werden, weil sie den Status der Frau in der Gesellschaft kritisieren, gibt es mindestens seit dem 19. Jahrhundert. Fontane hat mit Effi Briest so ein Buch geschrieben. Thomas Hardy in Tess of the D’Urberville. Falls sie jetzt denken: Moment! Kann es sein, dass feministische Bücher nur dann als Weltliteratur gehandelt werden, wenn sie von einem Mann geschrieben wurden, dann ist das schon eine sehr gewagte Hypothese, die sie da aufstellen.

Spielräume, Albträume

Mein Liebling in der von Männern geschriebenen feministischen Weltliteratur ist Henrik Ibsens 1879 uraufgeführtes Theaterstück Nora oder ein Puppenheim. Es geht in Nora um das, um das es in dieser Art Literatur immer geht: Eine junge Frau, gefangen in Konventionen, ohne eigenen Handlungsspielraum. Und einen Ehemann, der seine Frau in Wahrheit nicht ernst nimmt. Der sie nur so lange liebt, wie sie sich seinem Willen unterwirft und seine gesellschaftliche Stellung stützt. Nora – ganz ähnlich wie Fontanes Effi – ist zu Beginn ein Puppenmädchen, für ihren Gatten eine Art Kind. Wenn sie einen Handlungsspielraum entwickelt, dann ist der immer außerhalb gesellschaftlicher Moralvorstellungen, sogar von Gesetzen, schon alleine deshalb, weil Gesetz und Moral im ausgehenden 19. Jahrhundert überhaupt keinen Handlungsspielraum für Ehefrauen vorsehen.

Effi, Tess und Nora

Trotz aller Ähnlichkeiten unterscheidet sich Nora übrigens auf entscheidende Weise von den anderen Vertretern der männlich-feministischen Weltliteratur. Und zwar ziemlich gewaltig: Denn anders als Effi und Tess ist Nora keine Romanze. Es geht nicht um Sex. Nicht um Liebe. Man könnte sogar sagen: Es geht überhaupt nicht um Männer. Ich weiß, schwer zu glauben. Nora entwickelt sich nicht von einem Mann zu einem anderen. Sondern eigentlich nur zu sich selbst. Und noch verwunderlicher: Anders als die anderen Heldinnen der von Männern geschriebenen feministischen Weltliteratur muss Nora am Ende nicht sterben. Anders als Fontane und Hardy, erlaubt Ibsen es seiner Heldin, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, ohne sofort damit bezahlen zu müssen.

"Ich bin dann mal weg!"

Am Ende geht Nora einfach. Lässt ihren Gatten und sogar die Kinder sitzen und verschwindet allein in die Welt. Dieses Ende ist so radikal, dass Ibsen für die Uraufführung eine entschärfte Fassung schreiben musste. Es ist so radikal, dass ich mich frage, wie Ibsen es wohl heute schreiben würde. Und es ist so radikal, dass ich mich frage, wie es wohl geworden wäre, wenn eine Frau es geschrieben hätte. Wahrscheinlich... keine Weltliteratur.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 16.10.2019, 8:30

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