Pollatscheks Kanon: Boccaccio

Ich weiß ja nicht, wie es ihnen gerade geht, aber mir geht es nicht gut. Das habe ich vor Kurzem schon mal gesagt, aber es ist ja nicht so, als wäre es jetzt besser und manchmal haben die Dinge Bestand, gerade auch die Schlechten. Manchmal haben sie auch sehr lange Bestand, was es nicht besser macht. Manchmal sogar 672 Jahre.

Die Pest erobert Europa

Genau so lange ist es her, dass ein Virus Europa heimsuchte, dass sich Menschen gegenseitig infizierten, dass sie sich in ihren Häusern verbarrikadierten, dass die Welt auf einmal anders wurde. Damals hieß das Virus nicht Corona, sondern Pest und schon das stimmt dieser Tage versöhnlich. Immerhin nicht Pest.

Pandemie ohne Telefon und Internet

Neben der Sache mit der Gesundheit, dem Tod und der Angst ist das Schlimmste an so einer Pandemie die Einsamkeit. Das durchaus berechtigte Gefühl auf einmal abgeschnitten zu sein von der Welt und voneinander. Heute haben wir gegen dieses grauenhafte Gefühl immerhin Telefone, das Internet, soziale Medien. All das hatten die Menschen um 1348 nicht, nicht mal an Klopapier konnten sie sich festhalten, nicht mal an Einlagigem.

Wie übersteht man diese schwierige Zeit?

Wie man es trotzdem schaffen kann, so eine Pandemie zu überstehen, erzählt Boccacios Dekamerone. Es geht im Dekamerone um eine kleine Gruppe Adliger – sieben junge Frauen, drei mit ihnen verbandelte Männer - die sich, während die Pest in Florenz wütet, in einen Landsitz zurückzieht, um dort gemeinsam die Seuche zu überstehen.

100 Geschichten entstehen

Da sie keine Smartphones haben, tun sie etwas, das vielleicht noch schlauer ist, als die ganze Zeit die Schreckensnachrichten zu verfolgen und Tiervideos zu schauen: Sie erzählen einander Geschichten. Jeder eine, jeden Tag und so kommen am Ende 100 Geschichten zusammen.

Ich bin ganz ehrlich, wenn man alle Geschichten liest, dann beginnen sie irgendwann einander zu ähneln. In vielen verlieben sich Frauen in Männer oder Männer in Frauen, eifersüchtige Verwandte bringen mindestens einen der Liebenden um, woraufhin der andere Rache übt, oder das herausgeschnittene Herz des Verflossenen küsst und sich dann umbringt, oder den Kopf des Verflossenen in einen Basilikumtopf pflanzt, warum Basilikum wird nicht ganz klar, aber Basilikum scheint wichtig und immer noch besser als Witze über Klopapier.

Wir sind uns ähnlich

Dass sich die Geschichten ähneln, ist aber nicht weiter tragisch, die Menschen ähneln sich schließlich auch. Und das ist vielleicht das tröstlichste am Dekamerone, wie ähnlich wir uns doch sind. In Italien, in China, in Deutschland in Frankreich. Im 21. Jahrhundert wie im 14ten. Boccaccio zeigt, was wir heute wieder lernen, dass wir im Angesicht der Seuche kopflos werden, dass wir Angst haben, dass wir egoistisch sind und selbstlos, dass wir uns lieben – mit oder ohne Basilikum – dass wir Nähe brauchen, Zärtlichkeit und bei Boccaccio auch ziemlich viel Sex und dass wenn uns vieles genommen wird, uns immer noch die Geschichten bleiben, von dem was war und dem was hoffentlich sehr bald wieder kommen wird.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 25.3.2020, 8:30 Uhr

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