Newle Pollatschek hält das Buch "Jane Eyre" hoch

Kennen Sie ein Märchen, in dem der Prinz und die Prinzessin, die sich da verlieben, nur so mittelgut aussehen? Nein? Ich auch nicht. Menschen, die im Märchen und in den Romanzen die große Liebe finden dürfen, müssen richtig gut aussehen. Nicht nur Quasimodo bleibt am Ende allein, auch wir durchschnittshübschen Durchschnittsmenschen sollten uns keine allzu großen Hoffnungen machen. 

Schicksal

Wenn Sie diese Regel zur Herstellung romantischer Literatur nicht gut finden, dann sollten Sie Charlotte Bronte’s Jane Eyre lesen. Es geht darin um eine junge Frau, die vom Schicksal nicht zur Heldin auserkoren ist, die es aber nicht im Geringsten interessiert, zu was sie das Schicksal auserkoren hat.

Typisches Märchenschicksal

Am Anfang des Romans ist Jane ein Waisenkind, das von ihrer Ziehfamilie unerträglich schlecht behandelt wird. So weit, so märchenhaft, so typisch für Romane des 19. Jahrhunderts. Aber anders als im Märchen, wird Jane nicht von einem Prinzen gerettet, sie hat keine herausragende Schönheit, die sie für etwas Besseres prädestiniert, nicht einmal besonders große Talente.

Dramatische Schicksalsschläge

Sie liest viel und gerne, ist aber insgesamt ziemlich normal. Als Gouvernante arbeitet sie bald für den mysteriös gutaussehenden Mr. Rochester. Sie verliebt sich in ihn, er aber irgendwie nicht so richtig in sie, sondern, so scheint es, in die sehr gutaussehende Miss Ingram. Im Laufe des Romans wird dann alles sehr dramatisch, es gibt eine wahnsinnige Exfrau, die im Dachboden eingesperrt ist, ein Feuer, Mr. Rochester erblindet. Drama, Drama, Drama.

Umgehen mit dem Schicksal

Das ist alles sehr spannend und macht viel Spaß zu lesen, aber es ist nicht das, worum es eigentlich geht. Das, worum es eigentlich geht, ist nicht, was Jane passiert, sondern wie Jane damit umgeht. Und zwar in der festen Überzeugung, dass sie ein Mensch ist, der es verdient als Mensch behandelt zu werden. "Denkst du", fragt sie einmal Mr. Rochester, "dass, weil ich arm, unbekannt, unattraktiv und klein bin, ich keine Seele und kein Herz habe? Da denkst du falsch!"

Glückliche Wendung und Schluss

Am Ende bekommt Jane ihren Mr. Rochester natürlich und sie erbt sogar ein bisschen Geld. Aber auch das ist nebensächlich. Es ändert nichts an dem, was Jane von Anfang an weiß: Dass es egal ist, wie sie aussieht, oder wie viel Geld sie hat, sogar egal, wie der Rest der Welt sie sieht. Sie ist ein Mensch mit einer Seele und mit Bedürfnissen. Sie ist genauso viel wert wie die, die sich für überlegen halten. Mit einem eisernen Willen weiß Jane, dass sie es verdient glücklich zu sein und geliebt zu werden. Und wenn Jane das verdient, dann tun wir's wahrscheinlich auch.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 4.3.2020, 8:30 Uhr 

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