Szene aus Herzen in Aufruhr mit Kate Winslet und Christopher Eccleston

Als ich ein Teenager war, hatte ich einen Traum. Das ist nicht weiter überraschend, Träume haben viele. Manche wollen mal Schauspieler werden, andere Sänger, andere Influencer, da ist die Ansteckungsgefahr besonders groß. Mein Traum war etwas anders. Mein Traum, mein brennendstes Verlangen, war Oxbridge – also die Universitäten Oxford und Cambridge. Damit war ich unter meinen Klassenkameraden ein Außenseiter, aber allein war ich nicht. Denn ich hatte Thomas Hardy und seinen 1895 erschienen Roman Jude the Obscure.

Jude the Obscure (der deutsche Titel ist Jude Fawley, der Unbekannte) ist ein Klassiker des englischen Realismus. Es geht darin um vieles: Es geht um gesellschaftliche Moralvorstellung, um Ehe, Sex und die Schwierigkeiten der Monogamie. Es geht um Armut, um Hunger, um die Klassengesellschaft. Es geht um Gott, Tod und den Umgang mit schrecklichem Verlust. Es geht um die ganze verdammte Tragik des Lebens.

Eine Stadt des Lichts, der Erkenntnis und des Wissens

Für mich aber ging es immer nur um eines: um Oxford. Denn Judes ganze tragische Geschichte – und es ist wahrscheinlich die tragischste Geschichte der englischen Literatur – beginnt mit einem Wunsch: Jude will nach Oxford. Im Buch ist dieses Oxford als Christminster leicht fiktionalisiert, aber es besteht kein Zweifel was diese Universitätsstadt ist, nach der sich Jude schon als Kind verzehrt. Jude, der im Laufe des Buches mit zwei Frauen anbandeln wird, begehrt keine davon so brennend, wie Christminster.

Für Jude ist Christminster, also Oxford, eine Stadt des Lichts. In Christminster wächst der Baum der Erkenntnis, aus Christminster kommen die Lehrer der Menschheit. Christminster ist eine Festung des Wissens und des Glaubens. Christminster, so stellt der Erzähler fest, beantwortet das tiefste Bedürfnis von Judes Herzen, einen Anker zu finden, einen Ort an dem er sich festhalten kann, einen Ort den er bewundernswert nennen kann.

Die Tragik von Menschen, die wollen, was sie nicht haben können

Jude wird dieses Christminster nie erreichen. Er wird niemals reinkommen. Er wird bei aller Anstrengung zeitlebens scheitern. Nicht, weil er nicht gut genug ist, sondern schlicht und ergreifend, weil er nicht der Klasse angehört, die es nach Christminster schafft – denn Christminster, Oxbridge, ist eine Bastion der englischen Upperclass. Das war im 19. Jahrhundert so und richtig viel hat sich daran nicht geändert.

Und vielleicht macht das – neben dem Licht, der Erkenntnis, dem Wissen – den wirklichen Wert von Christminster aus. Es ist ein Club, von dem man weiß, dass man niemals reinkommen wird. Und vielleicht macht das auch die Tragik von Jude aus und von Menschen wie Jude, also von Menschen wie mir. Dass sie wollen, was sie nicht haben können, weil sie es nicht haben können. Dass sie lieben, was sie niemals lieben wird. Dass sie etwas bewundern, genau weil es sie nicht bewundert.

Anders als Jude bin ich beim zweiten Versuch übrigens reingekommen. Seitdem sehe ich’s eher kritisch.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 5.2.20, 8:30 Uhr

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