Nele Pollatschek: King Lear

Als ich sechzehn Jahre alt war, befreundete ich mich mit einer Englischlehrerin. Wir trafen uns im Park – sie hatte Freistunde, ich schwänzte – rauchten eine Zigarette nach der anderen und schwärmten über Literatur. Die Englischlehrerin kann ganz wunderbar schwärmen. Ihre Augen funkelten dabei und ihre sonore Stimme war wie gemacht zum bedeutungsschwangeren Rezitieren. Am schönsten schwärmte sie von Shakespeares King Lear.

"Hör zu, Nele", sagt die Englischlehrerin. "Da ist dieser alte König und er hat drei Töchter. Weil er alt ist, will er sein Königreich unter den drei Töchtern aufteilen, aber davor muss er wissen, dass sie ihn auch wirklich lieben. Die beiden älteren Töchter sind zwei ganz opportunistische Miststücke und erzählen Lear sonst was von ihrer Liebe."

Wirkliche Liebe lässt sich nicht in Worte fassen

"Aber die jüngste Tochter, Cordelia, die liebt ihren Vater wirklich. Und diese wirkliche Liebe lässt sich eben nicht in Worte fassen und dass sagt sie ihm, aber er begreift es nicht. Wütend enterbt Lear die treuherzige Cordelia. Und natürlich begreift Lear kurze Zeit später, dass er einen Fehler gemacht hat und dass seine älteren Töchter ihn nur belogen haben. Aber da ist es zu spät.

Vor Enttäuschung wird Lear verrückt. Vor den Intrigen seiner Töchter flüchtet er nach Frankreich zu seiner einzig wahren Cordelia. Als die beiden sich endlich wiederfinden, kann er sie kaum noch erkennen, aber dann, dann steht dieser alte, gebrochene Mann vor seiner treuen Tochter und sagt – und an dieser Stelle funkelt die Englischlehrerin besonders schön, sie lehnt sich ganz nah zu mir und zitiert mit sonorster Stimme: "I am fourscore and more / And you must bear with me."

Begeistert sehne ich mich nach dem großen Moment

Auf deutsch: "Ich bin vier mal zwanzig Jahre und mehr / und du musst Nachsicht mit mir haben". Aber die Englischlehrerin sagt es natürlich auf Englisch, weil es ja das Größte ist, was Shakespeare je geschrieben hat und sie wiederholt es wieder und wieder: "I am fourscore and more / And you must bear with me".

Ich bin total begeistert von Lear, renne nach Hause und lese das Stück. Seite um Seite sehne ich mich nach dem großen Moment "I am fourscore and more / And you must bear with me" und dann kommt er endlich. Und da steht: "Fourscore and upward, not an hour more nor less" kein Wort von "fourscore and more" und das "bear with me" gibt es zwar, aber ganz woanders.

Lektion in Demut

Es ist die größte literarische Enttäuschung meines Lebens. Shakespeare hat's versaut. Zumindest sah ich das damals so. Heute, sehe ich es ein bisschen anders. Heute sehe ich, dass King Lear ein wirklich großes Stück ist: über Liebe und Treue, über das Alter und die Demut.

Und gleichzeitig sehe ich, dass kein Autor und kein Stück so groß ist, dass ein guter Lektor oder eine wirklich gute Englischlehrerin, es nicht verbessern können. Kann es eine größere Lektion in Demut geben?

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 11.3.20, 8:30 Uhr

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