Pollatscheks Kanon Nada

Es ist mal wieder so weit: Die kalte Jahreszeit ist da. Was bedeutet: die Jahreszeit mit der Familie. Die Zeit, in der jeder Samstagsabends-Fernsehfilm, jede Werbung, jeder Instagram-Feed, jeder Tchibo-Stand im Supermarkt auf einmal die Produkte Produkte sein lässt und stattdessen lieber Familie verkauft.

Das Glück der Frauen?

Weihnachten das heißt: Geschenke, Gänsebraten und Familie. Lichterketten, Lametta und Familie. Plätzchen, Plastiknippes und Familie. #Dankbarkeit #blessed #lovemyfamily

Das ist alles sehr schön und enorm besinnlich für alle, für die Familie das Wichtigste ist und irgendwie traurig und einsam für die, für die Familie eben nicht das Wichtigste ist. Besonders schlimm trifft es Menschen, von denen man sowieso erwartet, dass sie satellitenartig um "ihre Lieben" kreisen und das echte Glück überhaupt nur in der Familie finden. Will heißen: Frauen.

Eines der großartigsten Bücher über diesen Konflikt zwischen einer Frau und ihrer gar nicht Weihnachtswerbungs-tauglichen Familie ist Carmen LaForets 1944 erschienenes Buch "Nada". Es geht um die 18-jährige Andrea, die kurz nach Ende des spanischen Bürgerkriegs nach Barcelona zieht um dort zu studieren, das Leben, das Glück, die Literatur und die Liebe kennenzulernen. Es kommt ganz anders.

Andreas Albtraum

Denn Andrea muss zum einen aus bitterer Armut, zum anderen auf Grund von Anstandsvorstellungen zu ihrer Familie ziehen. Zu ihrer senilen Großmutter. Zu ihrer tiefchristlichen, autoritären, scheinheiligen Tante, zu ihrem sadistischen Onkel, einem gescheiterten Musiker, zu ihrem anderen Onkel, einem ebenso gescheiterten Maler, der seine Ehefrau regelmäßig fast in den Tod prügelt.

Andreas Familie ist ihr Albtraum. Und so spielt dieses ganze Buch in einer Albtraumwelt – in der die Wände weinen, und selbst das Licht traurig ist. In der die Nacht im besten Fall so warm und rot ist, wie das Blut in einer Vene, die sanft auf der Straße geöffnet wurde. Eine Welt, in der Andrea vergeblich versucht, Unabhängigkeit von ihrer Familie zu wahren, in der sie Freunde findet, Liebhaber, Künstler. In der sie sich fast entfaltet, um dann doch immer wieder zusammengestaucht zu werden. Weil sie schon alleine durch die räumliche Nähe zur Familie immer wieder in diesen Morast aus körperlicher Brutalität, psychischem Terror, Mangel, Wahnsinn und Hass absinkt.

Das bessere Leben

Das Buch hat - und das kann man sich kaum vorstellen, so lethargisch, fatalistisch führt Laforet durch Andreas Albtraum - auf der letzten Seite ein leises, zartes Happy End. Denn am Ende verlässt Andrea Barcelona und ihre Familie. Zum Abschied warnt ihr Onkel sie, dass sie schon sehen wird, was sie davon hat. Dass das Leben mit Fremden nicht so ist, wie das Leben mit der Familie. Dass es ihr die Augen öffnen wird, dass sie jetzt das Leben erst richtig kennenlernen wird. Andrea weiß, was Carmen Laforet weiß, was wir Leser längst begriffen haben: Das Leben mit Fremden wird anders als das Leben mit der Familie. Es wird besser.

Carmen LaForet
Nada
Suhrkamp

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 11.12.2019, 8:30 Uhr

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