Pollatscheks Kanon: Lemonade

Manchmal kommen Literaturkritiker auf die Idee, dass ein Pop-Musiker große Literatur macht. In der Regel sind das Musiker von denen Literaturkritiker das Gefühl haben, dass sie was ganz Existenzielles sagen. Darüber, was es heißt ein Mensch zu sein. Dass sie ihnen "aus der Seele sprechen".

Ältere weiße Männer

Zum Beispiel Bob Dylan, Bruce Springsteen und auch Leonard Cohen. Wenn man sich solche Listen von als Literaten gefeierten Pop-Musikern genauer anschaut, dann haben sie einige Gemeinsamkeiten: sie sind meistens weiß, männlich und schon etwas älter. Ähnlich wie die meisten Literaturkritiker übrigens. Wenn sie etwas Existentielles darüber sagen, was es heißt ein Mensch zu sein, dann heißt dieses Mensch sein meistens, ein älterer, weißer Mann sein. Das ist alles schön und gut. Alte weiße Männer sind ja ganz empfindsame Pflänzchen, denen dringend mal jemand aus der Seele sprechen muss, aber als Kriterium für Literatur ist es ein bisschen dünn. Literatur und Menschsein ist mehr als das. Es gibt noch ganz andere Seelen aus denen man sprechen kann.

Beyoncé

Eine, die gerade ziemlich vielen aus der Seele spricht, ist Beyoncé. Ich bin ganz ehrlich, ich habe Beyoncé lange nicht ernst genommen. Wenn "all the single ladies" kam, bin ich auf die Tanzfläche gerannt, wie wahrscheinlich jede Frau meiner Generation und die meisten Männer. Eine Zeit lang habe ich Beyoncé zum Joggen gehört, und dachte, sie hat den richtigen Takt, die richtige Intensität fürs Bewegen. Aber große Musik ist das keine. Literatur erst recht nicht.

Und dann kam "Lemonade"

Was ist "Lemonade"? Lemonade ist ein Studioalbum. Lemonade ist ein Kunstfilm. Lemonade ist ein intertextuelles Kunstwerk, das unterschiedlichste musikalische Richtungen, von Rap und R&B, bis Country, Reggea und Rock miteinander verschmilzt. Es ist eine Collage, verbindet Zitate von Malcolm X mit Gedichten der somalisch-britischen Poetin Warsan Shire. Vor allem aber und das wurde mir beim ersten Schauen und Hören sofort klar, ist es große Kunst und es ist Literatur.

Was macht "Lemonade" zu Literatur?

Die sprachliche Qualität, wobei die enorm ist, sondern die Art wie Lemonade das persönliche Individuelle im politisch-gesellschaftlichen auflöst. Erst mal erzählt Beyonce offensichtlich ihre eigene Geschichte. Die Geschichte einer betrogenen Ehefrau, von Zweifel, Wut, Liebe und Versöhnung. Und durch diese Geschichte erzählt sie die Geschichte ihrer Mutter, auch eine Betrogene, ihrer Großmutter, aller Frauen ihres Blutes. Und dann ist es die Geschichte der schwarzen Frauen in Amerika. Dann die Geschichte der Schwarzen. Die Geschichte der Frauen. Und am Ende ist "Lemonade" dann nur noch das: eine Geschichte des Menschseins. Aber eben eines Menschseins, bei dem mit "Mensch" nicht wie so oft in der Literatur nur "älterer, weißer Mann" gemeint ist.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 27.11.2019, 8:30 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit