Nele Pollatschek: Leonard Cohen

Literaturnobelpreise sind nicht ganz einfach. Klar, man könnte sie einfacher machen indem man – nur so 'ne Idee – den Preis nicht an Genozid-Leugner vergibt. Das würde eine Menge Ärger ersparen. Aber es würde tatsächlich nicht allen Ärger ersparen. Denn neben berechtigter Kritik am Nobelpreiskommittee gibt es da noch diese andere Kritik.

Um diese Kritik aus mir rauszukitzeln, braucht’s nur zwei Worte: Bob Dylan. Es ist jetzt drei Jahre her, da bekam ausgerechnet Bob-mittelgute-Texte-Dylan den Literaturnobelpreis. Und ja, ich bin noch nicht darüber weg.

Was mich daran ärgert ist nicht, dass Bob-mittelgute-Texte-Dylan Populärmusiker ist und nicht Literat. Was mich daran wütend macht ist, dass Bob-mittelgute-Texte-Dylan den Literaturnobelpreis bekam, in einer Welt, in der es Leonard Cohen gab.

Schon die Titel sind besser als ganze Texte

Wollte ich meine Kritik berechtigt wirken lassen, könnte ich sagen, dass Leonard Cohen, anders als Bob-mittelgute-Texte-Dylan, viele Bücher geschrieben hat: Gedichtbänden, sogar zwei Romane.

Aber ich will hier ein Geschmacksurteil fällen: Leonard Cohen hätte auch ohne ein einziges Buch jeden Literaturpreis der Welt verdient. Ende. Aus. Und für die Bücher auch. Sein zweiter Roman trägt den Titel "Beautiful Losers". Schon dieser Titel ist so viel besser als jeder mittelgute Text von Sie wissen schon, dass mir vor Wut die Tränen in die Augen schießen.

Alle menschlichen Emotionen gemeistert

Genug. Es geht nicht um mittelgute Texte. Es geht um den Mann, der mit einem einzigen Satz mehr Emotionen auslösen kann als die meisten Romanautoren auf 500 Seiten. Es geht um Liebe und Verlangen. Es geht um Trauer. Es geht, ich geb es zu, um Lust. Es geht um Humor. Es geht um das obskure religiöse Gefühl, was uns säkulare Juden eben manchmal überkommt.

Vor allem aber geht es um die wahrhaftigste der erwachsenen Emotionen: Die Melancholie. Und dann, als Leonard Cohen alle menschlichen Emotionen für uns gemeistert hatte, ist er gestorben. Für ihn war das in Ordnung. Uns, die wir Leonard Cohen zum Fühlen brauchen, fehlt er sehr. Aber natürlich hat er, vorausschauend und großzügig wie er war, auch dafür ein Lied geschrieben.  

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 13.11.2019, 8:30 Uhr

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