Pollatscheks Kanon: Die Blütezeit der Miss Brodie

Manchmal liest man ein Buch und ist restlos begeistert. Man kommt ins Schwärmen und erst da fällt einem auf, dass man wirklich nicht weiß, was einen daran jetzt genau begeistert.

Präzise Sprache

In solchen Situationen bedient man sich gerne Phrasen wie "makellose Prosa" oder "präzise Sprache" und sagt damit eigentlich nichts, außer dass einem das Buch gefallen hat, dass es irgendeine unfassbare Qualität hat, die man nur hinter Floskeln vermuten kann, für die man selber aber wirklich gar keine präzise Sprache findet.

Genauso ein Buch ist Muriel Sparks 1961 erschienener Roman "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie". Am besten nähert man sich diesem Buch, indem man feststellt, was es nicht hat: liebenswerte Figuren oder einen spannenden Plot.

Die unsympathische Miss Brodie

Anstelle dessen hat "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" eine ziemlich unsympathische Protagonistin. Die Lehrerin Miss Brodie, die in ihrer Blüte, in einer schottischen Mädchenschule in den 1930er Jahren sechs Schülerinnen nach ihrem Bilde formt. Die Handlung ist sprunghaft erzählt, sie kreist um Miss Brodies Versuche die Mädchen zu unterrichten: in Renaissance Kunst, abendländischer Kultur, Sex, Verführung und Faschismus. Die Schulleiterin ist von Miss Brodie verständlicherweise wenig begeistert und sucht einen Vorwand sie zu entlassen. Am Ende bekommt sie ihn: Miss Brodie wird von ihrer Lieblingsschülerin verraten.

Manipulation von Schutzbefohlenen

Irgendwo dazwischen manipuliert Miss Brodie eine Schülerin dazu, sich dem Franco-Regime anzuschließen, das Mädchen stirbt bei einem Luftangriff. Eine andere Schülerin bringt sie dazu mit einem Lehrer zu schlafen, stellvertretend, denn Miss Brodie ist selbst in ihn verliebt. Mit wenigen Worten zeichnet Muriel Sparks ein kaleidoskopartiges Psychogramm, von den Schülerinnen, von Rose, die "berühmt ist für ihre Sexualität", von Sandy Stranger, die später Nonne werden wird und natürlich von Miss Jean Brodie und ihrer Blütezeit. Aber auch hier fehlt etwas, denn das Psychogramm kommt ohne Psychologisierung aus, die Frage warum Miss Brodie so ist wie sie ist, wird nicht nur nicht beantwortet, sie wird nicht einmal gestellt, genauso wie Miss Brodie zwar immer wieder betont, sie sei in ihrer Blüte aber niemals erklärt, was die Blütezeit eines Menschen eigentlich sei.

Der Reiz des Nichtauserzählens

Und vielleicht ist es tatsächlich das was fehlt, was "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" zu Weltliteratur macht. Auf knapp 150 Seiten gibt Spark nur fast genug. Der Reiz dieses Buches liegt in einer Verführung, bei der man immer noch etwas mehr sehen möchte und niemals ganz befriedigt wird und natürlich in dieser unerträglichen Sache mit der präzisen Sprache.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 13.5.2020, 8:30 Uhr

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