Pollatscheks Kanon: Oscar Wilde

Erinnern sie sich noch an den Moment, als sie sich das erste mal verliebt haben? Ich weiß es noch ganz genau. Ich war damals vielleicht zwölf. Es war ein Sommertag. Üppiger Rosenduft erfüllte das Atelier, und wenn im Garten der linde Sommerwind durch die Bäume strich, wehte das reiche Aroma des Flieders oder der zarte Hauch des rosablütigen Hagedorns durch die offene Tür hinein.

Moment, nein, das bin nicht ich, das ist der erste Satz aus Das Bildnis des Dorian Gray. In wenigen Momenten gesteht der Maler, Basil, seinem Freund, Lord Henry Wotton, seine Liebe zum jungen Dorian. Kurz darauf sieht Lord Henry Dorian zum ersten Mal und ist vielleicht nicht verliebt aber auf jeden Fall verzückt. Auch Dorian verliebt sich – und zwar in sich selbst. Es ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.

Überall Oscar

Und gleichzeitig, naja, auch ich habe mich damals verliebt, als ich Dorian Gray das erste Mal zur Hand nahm: Ich verliebte mich in die Literatur, in diese überbordende Sprache, dieses Schwelgen in Sinneseindrücken und ein bisschen verliebte ich mich in Oscar.

Dorian war übrigens nicht mein erster Oscar. Als Frischverliebte verstand ich, dass die tragischen Kunstmärchen, mit denen mich meine Familie als kleines Kind in den Schlaf geweint hatte, auch von Oscar kamen. Der glückliche Prinz und Die Nachtigall und die Rose. Wenn sie das nicht kennen, nehmen sie sich einen Nachmittag und ein Pfund Taschentücher und verlieben sie sich!

Später begriff ich, dass viele der Sprichworte die ich als die Höhe des geistreichen Humors feierte, eben auch von Oscar kamen. Als ich ein Teenager war, war überall Oscar und wo er nicht war, da holte ich ihn hin. Gedichte, Gesellschaftskomödien, Essays, Drama. Überall immer war ich bei Oscar. Und zwar nicht nur in seinen Werken, sondern vor allem auch in seinem glorreichen, tragischen Leben.

Herz und Tod

Glorreich, weil Oscar Wilde es als Sohn einer irischen Schriftstellerin schaffte, die englische upper class aufzumischen. Weil er ein Star war, bevor er auch nur ein Buch geschrieben hatte. Weil alle ihn sehen wollten, in seiner flaschen-grünen Samtjacke, in seinen Seidenstrümpfen mit grüner Nelke am Revers.

Tragisch, weil sich der Erfolg rächte. Oscar verliebte sich in den jungen Lord Alfred Douglas. Dessen Vater, ein ungebildeter Choleriker mit Adelstitel, provozierte Oscar in einen Rechtsstreit. Homosexualität war im viktorianischen Enlgand ein Verbrechen – und Oscars Gerichtsprozess der Skandal der Dekade. Am Ende wurde er zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Das kostete ihn sein Leben. Und wie Oscars Nachtigall, die am schönsten singt, während sie verblutet, sind auch Oscars klarsten Töne dem Tode geweiht. Als Zeuge in seinem Gerichtsprozess redet er sich um Kopf und Kragen und war gleichzeitig so klar und klug wie kaum ein anderer. Und aus den tiefen des Kerkers spricht sein Herz zu uns, singt uns eine Ballade über die Liebe, die Hoffnung und den Tod.

Genie, Talent, ewige Liebe

Ich habe mich lange davor gedrückt, Oscar auf den Kanon zu tun: Zum einen, weil die große Liebe nur sehr schlecht in vier Minuten Radio passt. Zum anderen, weil ich mich nicht entscheiden wollte, welches seiner Werke denn nun am meisten Kanon ist. Und wie so oft, kam die Antwort von Oscar: Der sagte mal, dass es das große Drama seines Lebens sei, dass er sein Genie ins sein Leben getan hatte; in den Werken sei lediglich sein Talent. Und so tue ich dann das Leben Oscar Wildes auf den Kanon. Oscar, mon amour, wie immer, noch immer, auf dich!

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 23.10.2019, 8:30 Uhr

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