Schriftsteller Saša Stanišić (r.) und Nele Pollatschek

Kurz vor meinem Abitur saß ich zufällig neben einer Professorin für Germanistik, die fragte, was ich mal studieren will. "Englische Literatur" antwortete ich. "Warum nicht Deutsche Literatur?" fragte die Professorin. "Weil mir Englische Literatur mehr Spaß macht", sagte ich. "Aber Literatur soll doch keinen Spaß machen!" sagte die Professorin.

Die Spaßfrage

Was sie meinte war natürlich, dass Literatur sich mit ernsten Themen auseinandersetzen kann und manchmal auch muss. Das Problem war nur, dass sie dachte, dass Literatur nur dann ernst sein kann, wenn sie keinen Spaß macht. Für mich stand fest: Deutsche Literatur ist immer entweder unterhaltsam oder ernst. Englische Literatur ist beides gleichzeitig. Seitdem hab ich ein eher schwieriges Verhältnis zur deutschen Literatur.

Und dann...

...kam 2019 "Herkunft" von Saša Stanišić in mein Leben. Seitdem ist alles anders. Was "Herkunft" ausmacht ist, dass es sich mit einem wirklich ernsten Thema beschäftigt: Es erzählt, autobiographisch, die Geschichte von Stanišićs Herkunft in Jugoslawien, von seiner Kindheit in Višegrad, von Krieg, Verfolgung und Flucht. Vom Neubeginn in Heidelberg. Davon, wie seine Mutter, die eigentlich Akademikerin ist, auf einmal in einer Wäscherei arbeitet, die so heiß ist, "dass ihr das Herz kocht".

Die Spaßantwort

Und gleichzeitig ist dieses Buch, trotz Krieg und trotz Verfolgung und trotz all der miesen Brüche des Lebens, ein Buch, das Spaß macht. Und vielleicht nicht mal trotz, sondern genau wegen des Lebens. Es ist als würde Stanišić sich widersetzen. Als würde er mit jeder Seite sagen: "Ich weiß, man könnte jetzt hier verzweifeln." Stattdessen und trotzdem: hier eine funkelnde Metapher, hier ein brillanter Witz, hier eine rührende Geschichte, weil Geschichten gegen die diktatorische Grausamkeit der Geschichte helfen.

Klug und gut

"Herkunft" ist ein sehr ernstes Buch, ein sehr unterhaltsames Buch und dadurch einfach ein gutes Buch. Und mit gut meine ich nicht gut geschrieben, wobei es fantastisch geschrieben ist, ich meine nicht gute Pointen, wobei es vor denen so strotzt, ich meine nicht gut durchdacht, wobei es unglaublich klug ist. Ich meine gut. Ich meine menschlich gut.

Gerecht und unterhaltend

Man merkt diesem Buch auf jeder Seite an, dass Stanišić sich Mühe gibt, was nicht heißt, dass es bemüht ist, sondern dass der Autor sich aufrichtig Mühe gibt, es richtig zu machen, es gut zu machen. Er will der Geschichte gerecht werden – und das im doppelten Sinne: Er will der Wahrheit gerecht werden, genauso wie der Fiktion. Er will etwas wirklich Ernstes sagen über Krieg und Neuanfang über Integration und Hoffnung. Er will den Leser unterhalten und ein bisschen will er ihn zu einem besseren Menschen machen und ein bisschen will er sich selbst zu einem besseren Menschen machen und man weiß, dass er es schafft, dass er es auf jeder Seite wieder schafft.

Der Versöhner

Vor einigen Tagen, war ich bei Stanišićs Lesung in Heidelberg. Am Ende sprangen gut 600 Menschen auf, um Stanišić stehend zu applaudieren. Ich stehe immer noch. Ich applaudiere immer noch. Ich applaudiere Saša Stanišić, dem Gewinner des Deutschen Buchpreises 2019. Und ich bedanke mich bei dem Heidelberger Jungen aus Višegrad, der Deutsch als Zweitsprache gelernt hat - und mich mit der deutschen Literatur versöhnt.

Redaktioneller Hinweis: Es gibt mehrere namensgleiche Städte zum Geburtsort des Schriftstellers und damit verschiedene Schreibweisen: Visegrad, Višegrad, Visegrád oder Vyšehrad und kyrillisch Вишеград – in deutscher Umschrift Wischegrad; wir verwenden den Namen der Stadt an der Drina in Bosnien und Herzegowina, Višegrad.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrüstück, 15.1.2020, 8:30 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit