Nele Pollatschek liest Kaléko

Auch wenn es zurzeit an vielem fehlt – Atemschutzmasken, Mehl, Gebrauchspapierwaren – , wenigstens an Hiobsbotschaften fehlt es uns nicht, für Liebhaber des Wortes Krise sind es Goldene Zeiten. Eine Hiobsbotschaft, die mir in den letzten Tagen häufiger entgegenkriselt, ist, dass der deutsche Buchmarkt durch Corona gut 20 Prozent Umsatz eingebüßt hat.

Läden zu, Augen offen

Wer regelmäßig mit Verlegern spricht, wundert sich, dass der Buchmarkt überhaupt jemals Umsatz hatte. Außer für Schriftsteller und Verlage ist die Buchmarktkrise natürlich vergleichsweise harmlos und gut erklärbar: Die Buchläden sind geschlossen, die wenigsten wissen, dass viele Buchhändler nach Hause liefern oder dass man auf genialokal.de beim Lieblingsbuchladen bestellen kann und jederzeit sollte, womit ich ganz uneigennützig sagen will: Bitte bestellen Sie Bücher, wir sind mitteljung und brauchen das Geld!

Emotionaler Begleitschutz

Auch wenn die Buchkrise a) harmlos und b) erklärbar ist, verstehen kann ich sie nicht. Noch mehr als das Geld brauche ich gerade die Literatur. Ohne Literatur weiß ich nichts mit meiner Zeit oder mit meinen Gefühlen anzufangen. Wenn auch Sie emotionalen Begleitschutz brauchen, dann lesen sie Mascha Kaléko. Für mich zeichnet sich Kaléko dadurch aus, dass sie eine der wenigen Dichter ist, vielleicht der einzige, dessen Werke ich auf jeder beliebigen Seite aufschlagen kann und immer etwas finde, das mich begeistert.

Eine Schelmin

In den frühen Gedichten ist es das berlinerisch Schnoddrige, das Komische, die spielerische Intelligenz. Oft nimmt sie in ihrer Dichtung Bezug auf das Dichten selbst, einmal gesteht Kaléko zu ihren Schanden... "Zwar liest man meine Verse gern, doch werden sie verstanden!“. Halb demütig, halb gönnerhaft positioniert sie sich in der neuen Sachlichkeit und gegen die schwer zugängliche Dichtung der Moderne. Klänge es nicht so antiquiert, könnte man die junge Kaléko schelmenhaft nennen, so muss unverschämt unprätentiös wohl reichen.

Ironie aus Trotz und Trost

In den 1930ern ändert sich Kalékos Dichtung, die jüdische Wahlberlinerin flieht nach Amerika, wo ihr Sohn auf einmal ein Migrantenkind ist und sie anfleht sie möge in der Öffentlichkeit doch Englisch mit ihm sprechen. Bis zum Ende ihres Lebens bleibt die deutsche Dichterin im sprachlichen Exil, vom Heimweh, schreibt sie, bleibt ihr nur das Weh. Aber selbst in den Exilgedichten, neben aller Trauer und Wut, erhält Kaléko das spielerisch Ironische, das, was sich für mich anfühlt wie ein nobler Wille zu unterhalten, zu amüsieren, zu trösten und zu trotzen.

Die Frage welche

In einem frühen Gedicht schreibt sie "Aus purem Trotz nahm ich mir nicht das Leben" und auch das liebe ich an Kaléko: den dickköpfigen Widerstand gegen Umstände, die so viel schlimmer sind, als alles, was ich mir vorstellen kann. In Amerika, wo Kaléko fast 20 Jahre lang trotzte, stellt man sich ja gerne mal die sprichwörtliche Frage "Was würde Jesus tun?". Ich stelle mir in letzter Zeit lieber die Frage "Was würde Kaléko tun?". Die Antwort liegt zwischen Witz und Ernst, Trost und Trotz. Und genau jetzt würde sie wahrscheinlich nochmal darauf hinweisen, dass man Kalékos Bücher auch beim Buchladen von nebenan bestellen kann und wenn man schon dabei ist, bietet sich ein Großeinkauf ja praktisch an.

Die Bücher von Mascha Kaléko sind u.a. bei dtv erschienen, auch in einer Gesamtausgabe

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 15.4.2020, 8:30 Uhr

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