Paula Murrihy als Penelope in Frankfurt

Alle Welt kennt Odysseus, den tragischen Helden, der nach seinem Sieg in Troja einfach nicht nach Hause findet und 20 Jahre auf Irrfahrt verbringt - und eine ganze "Odyssee" füllt. Doch wer kennt Pénélope, die Gattin? Was sie in dieser Zeit durchmacht, das ist Homer nur einen kurzen Blick wert. Der Franzose Gabriel Fauré hat ihr eine ganze Oper gewidmet.

Lässt Fauré darin Pénélope ein wenig Gerechtigkeit widerfahren?

Er macht sie immerhin zur Heldin seiner Oper, erzählt aber nur Homers Geschichte, in der sie 20 Jahre treu ergeben auf ihren Odysseus wartet, während sich Freier in ihrem Haus bereitgemacht haben. Die lassen es sich gut gehen und verlangen sogar, dass sie einen von ihnen heiratet. Diese Frau aber bleibt allein, eine Königin ohne König - und das geht gar nicht. Es braucht also einen heimkehrenden Odysseus, um allem Spuk ein Ende zu bereiten - auf ziemlich radikale Art (was glücklicherweise nicht gezeigt wird).

Wie erzählt Regisseurin Corinna Tetzel die Geschichte der wartenden Pénélope?

Sie sperrt sie in eine Art offenen Käfig, ihre Welt ist begrenzt in Ausmaßen ihrer Dachterrasse, die oben von einem Quadrat aus Neonlicht nachgezeichnet ist, schwarze Gaze definiert die unsichtbare Mauer. Die hat einen Durchlass, der in seinen Ausmaßen genau der Marmorstele am Meer entspricht. Dort wartet Pénélope allabendlich auf die Rückkehr von Odysseus. Indes, die Hoffnung ist unbegründet, eine verrostete Satellitenschüssel auf dem Dach lässt vermuten, dass schon lange keine Nachrichten mehr eingetroffen sind. Pénélope hat sich in ihrer Warterei verpuppt, idealisiert ihren Odysseus zum Helden, trägt Hochzeitskleid, verteilt weiße Rosen - und erkennt ihn nicht, als er vor ihr steht, weil sie ihn größer und stärker in Erinnerung hat.

Das ist psychologisch nachvollziehbar. Ist das auch überzeugend?

Das ist ein wenig ärgerlich, dass in Frankfurt keine andere Lösung gefunden wird als die tradierte Sichtweise, gerade in Zeiten von #metoo und nach Jahrzehnten Frauenbewegung: Diese Königin sagt nicht Nein und webt das Totenhemd des Schwiegervaters, die jungen Frauen am Hof sagen nicht Nein und bleiben am Gängelband der Freier, die brutal über sie verfügen und auch Gefallen daran finden. Überzeugend ist die Regie nur insofern, als dass die Geschichte nicht gut ausgeht, wenn also nach 20 Jahren kein Paar aus Pénélope und Odysseus wird: Sie stehen nebeneinander an der Rampe und während sie von der Freude des Wiedersehens singen, geht Odysseus ab - durch den Riss im Palast; Pénélope bleibt allein zurück.

Wie ist denn dagegen die musikalische Seite der Frankfurter Inszenierung?

Sie ist auf ganzer Linie überzeugend, diese Frankfurter Erstaufführung. Das zwar Musik, in die man sich erstmal "hineinhören" muss, Fauré spielt mit Leitmotiven wie Wagner, man hört viel melodramatisches. Er lässt die Sänger viel deklamieren um sie dann aufblühen zu lassen. Arien im engeren Sinne gibt es nicht. Joanna Mallwitz am Pult ist im Umgang mit Orchesterfarben sehr virtuos, phantasievoll setzt sie die Bläser in Szene. Mit viel Umsicht bringt sie die durchsichtige Partitur zum Blühen und ins Schweben. Sie verschafft den Sängern genügend akustischen Raum und hat gleichzeitig keine Angst vor orchestraler Wucht - es ist wirklich ein Erlebnis, diese Musik kennenzulernen.

...und die Sänger...

machen einen in ihren Rollen glücklich: Paula Murrihy als Pénélope beginnt ganz grau, monoton, blüht plötzlich auf, hat schöne warme Höhen. Eric Laporte als Odysseus ist abgerissen, zerbrochen, defensiv, macht dann auf einmal seine Röhre auf, demonstriert Power und Entschlossenheit. Wie gesagt, man muss sich ein bisschen hineinhören - und dann kann man sich besoffen hören!

Pénélope
Gabriel Fauré, Text von René Fauchois nach Homer
Oper Frankfurt
Noch am 6., 11., 15.12.2019; 11., 17., 23.1.2020

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 2.12.2019, 7:30 Uhr

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