Schauspiel Frankfurt: Geschlossene Gesellschaft: Anna Kubin, Matthias Redlhammer, Heidi Ecks, Patrycia Ziolkowska

Es ist offenbar etwas aus der Mode gekommen, sich mit dem Jenseits zu beschäftigen – wir haben ja schon genug damit zu tun, uns im Diesseits zurechtzufinden. "Geschlossene Gesellschaft" von Jean-Paul Sartre ist ein selten gespieltes Stück. Er schrieb das Drama 1943/44 während der deutschen Besatzung von Paris.

Worum geht's?

Darin führt er drei Menschen in einem bürgerlichen Salon zusammen, die auf den ersten Blick nichts verbindet – außer, dass sie gerade gestorben sind. Der Journalist und Deserteur Garcin, die schöne Kindsmörderin Estelle und die lesbische Postangestellte Inés versuchen, einander Stück für Stück ihre dunklen Geheimnisse zu entlocken.

Wie sieht es in Frankfurt aus?

Regisseurin Johanna Wehner hat das Drama stark bearbeitet und einen ganz eigenen, neuen Text geschaffen. Sie zerlegt Dialogsequenzen in Fragmente und loopt diese, sodass eine gewisse Musikalität entsteht, ein eigenwilliger Sound, der durchaus einen Sog entfaltet. Dabei stehen weniger die Umstände im Zentrum, unter denen Estelle, Inés und Garcin im Jenseits gelandet sind – als ihre (inneren) Zustände – immerhin haben alle drei Menschenleben auf dem Gewissen

Estelle, Garcin und Inés reichlich abgehetzte Zeitgenossen, die bereits atemlos im Jenseits an- und auch hier nicht zur Ruhe kommen. Kaum haben sie Raum betreten, der im Schauspiel Frankfurt von Metallbögen eingefasst ist und an einen Walfischbauch erinnert oder an ein Kellergewölbe, so versuchen sie schon fieberhaft herauszufinden, welche Regeln oder Gesetzmäßigkeiten hier herrschen. Sie fragen sich, warum sie hier sind, und versuchen, der Situation einen Sinn abzuringen.

Viel zitiert, selten verstanden

Auch den zentralen Satz von Sartres Drama, "Die Hölle, das sind die anderen", schwächt Wehner ab – was meint, dass es hier keine Teufel oder Höllenhunde braucht, um die Toten für ihre Sünden zu bestrafen, sondern dass die drei sich gegenseitig so lange quälen werden, bis ihre Schuld aufgedeckt ist. Inés formuliert einmal schön witzig und heutig, dass Kunden auch in der Hölle Arbeit selbst übernehmen müssen – wie in einem Schnellrestaurant. Bei Wehner allerdings ist jede und jeder der drei vorrangig mit sich selbst beschäftigt, sie rücken einander gar nicht besonders zu Leibe, um die Schuld der anderen herauszufinden. Auch nach ihrem Tod treibt sie noch um, was sie auf der Erde zurückgelassen haben:

Die Personen und Darsteller...

Garcin (Matthias Redlhammer) pirscht am Bühnenrand entlang und versucht herauszufinden, was seine ehemaligen Kollegen in der Redaktion über ihn sagen. Estelle (Anna Kubin) klammert sich zwanghaft an ihrer Schönheit fest, sucht immer wieder Spiegel, um sich ihrer zu vergewissern. Und die taffe, kluge Inés (Patrycia Ziolkowska) behauptet zwar, dass sie nichts bereut, schaut aber sehnsüchtig zurück auf die Erde ehemaliges Zimmer. Die Inszenierung verschiebt also den Schwerpunkt des Dramas. Allerdings geht es auch bei Sartre um gesellschaftliche Zurichtungen, die über Tod hinaus wirksam bleiben. Es geht auch bei ihm um eine Existenz, vollkommen durchökonomisiert ist. Das führt zu intensiven Momenten, etwa, wenn Garcin verzweifelt um sein Selbstbild ringt. Oder wenn Inés, die wohl interessanteste Figur, versucht, nach ihrem gewaltsamen Tod nicht Fassung zu verlieren, sich keine Blöße zu geben, keine Schwäche einzugestehen.

Fazit

Johanna Wehner und dem Ensemble gelingt eine atmosphärische, stimmige Inszenierung, die sich Sartres Drama entschieden aneignet.

Geschlossene Gesellschaft
Jean-Paul Sartre
Schauspiel Frankfurt
noch am 7., 9., 18., 20.12. (bereits ausverkauft, Restkarten evtl. an der Abendkasse)

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 3.12.2019, 7:30 Uhr

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