"Das Gesetz der Schwerkraft" am Staatstheater Kassel

Vermeintlich naturgegebene und unveränderliche Gesetze wie das Gesetz der Schwerkraft werden im Bereich der Geschlechter hinterfragt. In einer Wiederaufnahme vom März zeigt das Junge Staatstheater Kassel ein Stück des kanadischen Dramatikers Olivier Silvestre. Es geht um das Aufwachsen in einer Umgebung, die davon ausgeht, dass man ein eindeutiges Geschlecht hat und eine Beziehung zum anderen Geschlecht sucht.

Und all das trifft auf Dom und Fred. Beide sind 14 Jahre alt, nicht oder zumindest nur teilweise ist Dom ist als Mädchen geboren, zieht aber lieber typische Jungsklamotten an. Fred ist ein Junge, der zumindest homosexuelle Wünsche hat. Aber die Begriffe Transgender oder Homosexualität fallen im Stück nicht. "Das Gesetz der Schwerkraft" kommt eben nicht als Problemstück daher, sondern verhandelt die Themen, mit einer großen Leichtigkeit, mit Witz und Ironie. Zwar lernen wir durchaus zwei Typen mit Außenseiter -Potenzial kennen, aber dadurch, dass es eben ein Zwei-Personen-Stück ist, fehlt der direkte Kontrast zu einer vermeintlichen Normalität.

Das Thema ist ja eigentlich heikel genug, auch weil die Möglichkeit besteht, auf möglichen Klischees oder falschen Interpretationen und Zuordnungen auszurutschen. Hat es die Kasseler Inszenierung geschafft, diese latente Gefahrenlage zu umschiffen?

Hat sie! Man könnte diesen Stoff sicher in seiner ordentliche Hau-Drauf-Inszenierung inklusive Therapie-Kompaktkurs zwängen, Regisseurin Martina von Boxen, sie ist die Leiterin des Jungen Staatstheaters, tut es eben gerade gar nicht. Sie stellt das Stück auf eine Bühne, die weitgehend abstrakt ist. Auf den ersten Blick könnte man ebenso einen Skaterpark sehen wie eine Großstadtsilhouette. Auch die Brücke, die sich als Metapher durch diesen Text zieht, wird angedeutet.

Es geht also immer wieder darum, die Brücke zu überschreiten, ans andere Ufer zu gelangen, sich aber auch auf der Brücke und damit eben zwischen zwei Polen zu befinden. Und während die Produktion kurz vor dem Corona-Shutdown noch auf der kleinen Kasseler Bühne im TIF Premiere hatte, wird jetzt im deutlich größeren Schauspielhaus gespielt. Und ich vermute, dass auch die beiden Darsteller oftmals ursprünglich näher beieinander standen als der aktuellen Version. Aber das kommt dem Stück eigentlich entgegen. Denn dieser Aushandlungsprozess zwischen Dom und Fred ist hier ein ständiges Spiel mit Nähe und Distanz. Vor allem finde ich aber gelungen, wie diese Leichtigkeit und Uneindeutigkeit in der Regie aufrechterhalten wird. Zwar gibt es punktuell auch Klischees, aber die sind dann eben auch bewusst vergrößert, überzeichnet. Wir lernen in dieser Inszenierung keine Genderklischees oder reine Problemfälle kennen, sondern total sympathische Jugendliche.

Was ist zu ihrem Bewegungsspiel, was zu ihren Dialogen zu sagen?

Tim Czerwonatis als Dom und Marius Bistritzky als Fred setzen diese Idee wunderbar um. Zwar spielt Dom auch mit Stereotypen, etwa wenn er mal mit rosa Perücke, Schnurrbart und gelben Rock über die Bühne tanzt. Aber er legt seine Figur ansonsten so zwischen den Geschlechtern einfach sehr überzeugend, sehr berührend an. Er findet eine Stimme für Texte, die versuchen, seine Gefühle in Sprache zu übersetzen, wenn er eben kein eindeutiges Geschlecht haben will, wenn er hin und her wechseln können möchte, wenn er die Frage, ob er ein Junge oder ein Mädchen sein möchte, um weitere Möglichkeiten ergänzt.

Er konnte ja auch ein Kaktus sein oder eine Möwe. Und Marius Bistritzky als Fred: Der will zwar gern ein ganz normaler Junge sein, aber er hadert mit den Forderungen, die damit verbunden sind. Und er erzählt das in so einem Modus von verzweifelter Coolness und Selbstironie, dann aber auch von Unsicherheit und Verlegenheit. Und als gegen Ende zwischen den beiden dann doch so etwas wie eine Beziehung andeutet, fragt er ganz vorsichtig was wäre ich als männlicher Freund eines Mädchens, das sich als Junge fühlt?

Und diese Frage bündelt all diese Dilemmata, die das Stück durchziehen. Beide Darsteller spielen nicht nur sehr gut miteinander, sie wechseln auch ganz elegant zwischen den verschiedenen Erzählebenen. Mal sind sie Figuren, mal sind sie Erzähl-Instanzen. Auch Chat-Kommunikation wird live gesprochen, und dafür haben die beiden zurecht und insgesamt viel Applaus bekommen.

Das Gesetz der Schwerkraft
von Olivier Sylvestre
Staatstheater Kassel

Empfohlen für Kugendliche ab 13 Jahren
Weitere Aufführungen sind geplant

Die Fragen stellte Martin Maria Schwarz
Sendung. hr2-kultur, 24.6.2020, 7:30 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit