Screenshot des Podcasts Verriss und Vorurteil

In Woche 3 der geschlossenen Theater muss Sehnsucht nach dem Theater und nach Begegnung und Austausch vorerst anderswo gestillt werden. Im Netz beispielsweise. Hier gibt es nicht nur immer mehr Streaming, sondern auch Theaterpodcasts. Wir sprechen über "Verriss und Vorurteil" und "Klima der Angst“.

Durchaus poetische Titel, was steckt dahinter?

Das sind zwei sehr unterschiedliche Podcasts, in denen sehr unterschiedlich über Theater gesprochen wird, durchaus reizvoll. Der Ansatz von "Verriss und Vorurteil" ist, Theater vom hohen Ross der Hochkultur herunterzuholen, ein zeitgemäßeres Sprechen darüber zu etablieren - und zwar in Gesprächen mit Theaterschaffenden, also Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Intendant*innen und Tänzer*innen.

Bei "Klima der Angst" sprechen der Theaterkritiker Janis El-Bira und der Regisseur und Autor Falk Rößler über ästhetische Diskurse zwischen traditionellerem Schauspiel und Performance. Dabei sitzen sie in einer Theaterkantine und trinken jeweils eine Flasche Wein, das hat durchaus eine gewisse Atmosphäre!

Einmal geht es also eher ums Machen, das andere Mal eher um die Diskurse. Beides sind unabhängige, nicht-kommerzielle Podcasts, richtig?

Ja, beides sind Liebhaberprojekte, könnte man sagen. Allerdings von kompetenten Liebhabern. Der Podcast "Verriss und Vorurteil" wurde gegründet von drei Münchner Kulturjournalisten, Anna Landefeld, Maximilian Sippenauer und Benedikt Mahler, es gibt ihn seit einem Jahr mit bislang 16 Episoden. Das sind durchweg interessante Gespräche, die verschiedene Perspektiven auf das anbieten, was Theater ist und die erzählen, wie im Theater gearbeitet wird. Besonders toll ist der aktuelle Podcast vom 28.3., in dem es um die Theaterschließungen geht.

Gibt es hierfür auch einen Studiogast?

Nein, aber "Sieben Monologe aus dem Exil", hierfür haben die Macher vier Menschen um Audio-Statements zu ihrer persönlichen und professionellen Situation gebeten: Darunter ein in Mailand ansässiger Opernkritiker und Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Das ergibt einen spannenden Überblick über Verschiebungen, die da gerade stattfinden – der Wiener Burgtheater-Schauspieler denkt darüber nach, sich freiwillig für die Kartoffelernte zu melden, um sich endlich mal wieder körperlich austoben zu können. Und Shermin Langhoff spricht darüber, dass die deutsche Kulturlandschaft nach der Krise nicht dieselbe sein wird. Nicht alle Institutionen und nicht alle Kulturschaffenden werden diese Krise ökonomisch überleben. Das ist erschreckend, traurig, wahr.

Warum heißt denn der Podcast "Klima der Angst" denn "Klima der Angst"? Schaurig!

"Klima der Angst" gibt es seit Oktober 2018. Die Themen für die Gespräche von Janis El-Bira und Falk Rößler sind beispielsweise Innovation, es geht auch oft um Kritik oder auch über Theaterskandale, die in die Geschichte eingegangen sind. Das ist schon eher ein Podcast für Nerds, also echte Kenner der Materie, fachsimplerisch, aber vergnüglich: Relevante Fragen werden hartnäckig und gemeinsam denkend verfolgt – und das nicht ohne Widerspruch. Die beiden tauschen Seheindrücke von Inszenierungen aus, Anekdotisches mischt sich mit Diskursivem – und man hört ihnen beim gemeinsamen Denken zu – was ist Theater heute eigentlich, was kann es, wozu ist es da? Durchaus auch politisch engagiert.

Gibt es bei allen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten?

Ja! Beiden ist gemeinsam, das Theater auf seine Gegenwärtigkeit abklopfen, beide sind sehr zugewandt und gleichzeitig kritisch. Kurzum: Theaterliebhaber sprechen über ihre Sicht des Theaters und nehmen uns dabei mit, das hat bei mir die Sehnsucht geweckt, dringend mal wieder Theater sehen zu wollen.

Theaterpodcasts

Klima der Angst

Verriss und Vorurteil

 Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 1.4.2020, 7:30 Uhr

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